Hungertuchbetrachtung (2)

10. März 2016


Am Sonntag ist Passionssonntag. Zugleich wird an diesem Sonntag die Misereor-Kollekte gehalten. Das ist ein Anlass, einmal genauer auf das Misereor-Hungertuch zu schauen.

Worum geht es also mit dem Gegensatz im Leitmotiv – Gott oder Gold? Zunächst: Ist es ein Gegensatz? Wenn wir Gold als Sinnbild für Wert betrachten, dann sicherlich nicht. So sieht es auch der Künstler: Das Gold (der goldene Stein) symbolisiert Christus. „Ich möchte mit meiner Kunst den Kern der christlichen Botschaft sichtbar machen“, so Dao Zi. Und da passt es, Christus als wertvoll wie Gold zu versinnbildlichen. Auch liturgisch spielt Gold ja eine Rolle, überall dort nämlich, wo es mit Christus in der Eucharstie in Berührung kommt. Die goldene Patene, der zumindest innen vergoldete Kelch haben nichts mit materiellem Protz zu tun, sondern mit Wertschätzung gegenüber dem spirituellen Gold, das uns in Christus begegnet.

Wir müssen also nochmal genauer unterscheiden: Gold im spirituellen Sinne (Wertschätzung des Spirituellen) und Gold im materiellen Sinne (Wertschätzung des Materiellen). Da landen wir dann bei Gottesdienst und Götzendienst. Das materielle Gold ist nur dort gut gebraucht, wo es den Wert des spirituellen Goldes unterstreicht. Mit dem Materiellen, dem Geld, dem Mammon – dem ungerechten gar – dürfen wir uns Freunde machen, wie es heißt (Lk 16, 9), soweit es dabei um das Spirituelle geht. Um Erlösung. Um Aufnahme „in die ewigen Hütten“ wie es an der Lukas-Stelle heißt.

Es geht also um das Verhältnis des Spirituellen und des Materiellen im Leben des Einzelnen, aber auch der Gemeinschaft. Wieviel Religion darf es sein, wieviel Glaube? Wer soll herrschen – die Wirtschaft oder die Zivilgesellschaft? Man wird das Problem wohl nicht auflösen können, indem man sich nun für eines von beidem entscheidet und sich dann komplett der einen oder der anderen Seite der Medaille zuwendet.

Beides hat seine Berechtigung. Jesus wird mal von seinen kritischen Zeitgenossen in diese Richtung befragt und meint, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers gehört und Gott, was Gott gehört (vgl. Lk 20, 25). Das Geld ist also nicht per se schlecht; auch nicht das Steuern zahlen. Aber es geht um Leitmotive des Lebens. Auch hier gibt das Evangelium, gibt Christus uns einen Merksatz an die Hand: Wir stehen als Christen zwar in der Welt, sind aber nicht „von der Welt“ (Joh 15, 19), lassen uns also von ihr nicht prägen. Nicht die Welt, der Staat, der Kaiser hat uns den Stempel aufgedückt, sondern Gott durch Jesus Christus.

Die zentrale biblische Textstelle, die dieses Thema aufgreift, steht im Matthäusevangelium: „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein! Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (Mt 6, 19–24).

Das Evangelium unterscheidet zwischen den Schätzen auf der Erde und den Schätzen im Himmel. Das darf nicht, wie in der Vergangenheit leider geschehen, missverstanden werden: Es geht nicht um ein Punktesystem, um ein Guthaben bei Gott, aus dem heraus gewissermaßen ein Rechtsanspruch auf Seligkeit erwächst. Wir können uns den Himmel nicht mit unseren Werken erarbeiten, erwerben – so gut und gerecht sie auch sein mögen, unsere Werke. Erlösung geschieht aus Gnade. Vor allem diejenigen, die uns in Sachen Güte und Gerechtigkeit ein Vorbild sind, die Heiligen nämlich, haben das oft genug betont. Auch gibt es keine Unterschiede in der Gnade, je nachdem wieviel wir leisten. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-16) führt uns das in geradezu verstörender Deutlichkeit vor Augen. Aber wir können doch mit unserem Handeln entweder unsere Taschen oder unser Herz füllen und damit unseren Körper, wie es hier heißt, unser Leben in den Augen Gottes verfinstern oder erstrahlen lassen.

(Josef Bordat)

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