Christentum. Eine Geschichte der Verzauberung

12. März 2016


Wenn sich die Geschichte der Entchristlichung der modernen Gesellschaft nach Max Weber als Entzauberung der Welt lesen lässt, dann liegt es nahe, eine Kulturgeschichte des Christentums unter das Leitwort der Verzauberung zu stellen. So geschehen bei Jörg Lauster, der mit Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums im vergangenen Jahr eine eindrucksvolle Arbeit über den Einfluss des christlichen Glaubens auf praktische alle Lebensbereiche des Menschen vorgelegt hat. Ergebnis der Studie: Wir werden das Christentum einfach nicht los. Und die Kirche auch nicht.

Jörg Lauster ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg und hat Gastprofessuren in Venedig und Rom inne. Er forscht seit mehr als zehn Jahren über die Kultur- und Sinngeschichte des Christentums. Lauster ist nicht nur ein ausgewiesener Fachmann, sondern auch ein hervorragender Erzähler. Der Verfasser versteht es, wissenschaftliche Präzision und leichte Diktion in einen ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Text einzubringen. Nicht nur aufgrund der großen Bedeutung der Christianisierung Europas und der Welt sowie eingedenk der Vielgestaltigkeit der Einflüsse, sondern auch wegen des klaren Stils und der im besten Sinne einfachen Sprache wird das Buch somit auch über die 700 Seiten nie langweilig. Allenfalls die recht kleine Schrift lässt den Leser ab und zu ermüden – der Text tut dies an keiner Stelle.

Lauster geht chronologisch geordnet durch die Geschichte des Christentums und zeigt, wie dieses zu unterschiedlichen Zeiten in ganz verschiedenen Bereichen der menschlichen Kultur (Kunst, Politik, Wirtschaft) durch Aufzeigen des Transzendenzbezugs menschlichen Lebens und Wirkens eine göttliche Dimension ins Spiel bringt, die zunächst Europa und dann die Welt verzaubert hat. Wieviel Religion in der abendländischen Kultur steckt, ist erstaunlich. Auch das Entzauberungsprogramm der Aufklärung kann daran nichts ändern. Zwar werden heute kaum noch Kathedralen gebaut oder Krönungsmessen komponiert, aber auch die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts ist durch und durch religiös geprägt; Politik und Wirtschaft ohnehin.

Dabei wird das Religiöse nicht mehr demonstrativ auf den Sockel gehoben, es tritt vielmehr zurück hinter andere, insbesondere säkulare Sinngehalte, hinter denen allerdings wiederum – so zeigt Lauster – eine tief im christlichen Glaubensgut verwurzelte Denkweise steht. Also: Auch dann, wenn, und selbst dort, wo christliche Werte nicht mehr als solche aufgegriffen werden – also: im modernen Europa –, bleiben sie als historische Basis unserer Gegenwartskultur mittelbar präsent, weil sie in deren Diskursen immer wieder aktualisiert werden – entzaubert zugunsten einer rational anzueignenden Immanenz der Welt, verzaubernd zu deren emotionaler Verankerung und als starkes Handlungsmotiv.

Mit seiner Verzauberung der Welt ist Jörg Lauster ein ganz großer Wurf gelungen – von großer Kenntnis und ebensolcher Erzählkunst. Man sollte das Werk zumindest neben Kriminalgeschichten und sonstige Verrisse legen, um zu erkennen: Es war nicht alles schlecht. Und das ist auch gut so.

Bibliographische Angaben:

Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums.
München:
C.H.Beck 2015.
734 Seiten, € 34,–.
ISBN
978-3406666643.

(Josef Bordat)

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