Bald eine Heilige: Mutter Teresa

15. März 2016


Machen wir es kurz: Mutter Teresa, genau: jene „albanisch-indische Nonne“ (Tagesschau), wird im September von Papst Franziskus heilig gesprochen. Statt ein halbes Jahr vorher eine Eilmeldung daraus zu machen, hätte man seitens der Tagesschau vielleicht noch einmal in aller Ruhe recherchieren sollen.

Es kann hier nicht um eine Widerlegung des sich im Kommentarbereich ansammelnden Halbwissens gehen, auch nicht um die Überprüfung der dort angebotenen „Tatsachen“, schon gar nicht darum, dass man Tatsachen – je nach weltanschaulichem Standpunkt – unterschiedlich bewerten kann, sondern allein um die beiden Kritikpunkte im Text.

Voilà: „Zeit ihres Lebens verteidigte sie die traditionellen Werte der katholischen Kirche. Die Ordensfrau war aber auch nicht unumstritten. Kritiker warfen ihr vor, armen Menschen den Katholizismus aufzwingen wollte. Zudem soll sie mit ihrer strikten Ablehnung von Empfängnisverhütung und Abtreibung zum Elend der Armen beigetragen haben“ (Tagesschau).

So interessant es ist, dass das obligatorische „aber auch nicht unumstritten“ hier in Abgrenzung zu dem „verteidigte sie die traditionellen Werte der katholischen Kirche“ aus dem Satz davor in Erscheinung tritt, wo sie doch, was man wiederum in den Sätzen danach erfährt, just wegen ihrer Verteidigung katholischer Werte kritisiert wird, so fragwürdig sind dann die genannten Kritikpunkte. Allein: Die Tagesschau fragt nicht. Sie zählt auf.

Wir können uns aber schon fragen: Wie plausibel ist das?

I. Kritiker warfen ihr vor, armen Menschen den Katholizismus aufzwingen wollte.

Wie soll das denn gehen: „den Katholizismus aufzwingen“? Freitags Fischstäbchen? Tagesschau – es kann keine Zwangstaufe geben! Die Annahme des Glaubens geschieht immer freiwillig. Die Kirche lehnt Zwangstaufen ab und ich bin sicher, Mutter Teresa tat dies entsprechend auch. Und das – weil man es uns eh nicht zutraut! – nicht einmal aus Achtung vor der Religionsfreiheit des Anderen oder aus Toleranz gegenüber der anderen Kultur, sondern wegen der Bedeutung der Glaubensannahme. – „Es ist nämlich nicht zu erwarten, daß jemand, der bekanntermaßen nicht aus eigenem Antrieb, sondern gegen seinen Willen zur christlichen Taufe gelangt, dem wahren christlichen Glauben anhängt.“ Sagt der Papst. Und zwar Alexander III. Zwölftes Jahrhundert.

Dass unter Menschen, die in ihrer Herkunftsreligion verachtet waren, durch die Wertschätzung von Seiten einer Christin Interesse an dieser fremden Religion aufkommt, ist dagegen durchaus nachvollziehbar. Sicher hat Mutter Teresa als Missionarin der Nächstenliebe, die Unberührbare berührte, auch deren Seelen berührt. Mit „Zwangsmission“ hat das nichts zu tun.

II. Zudem soll sie mit ihrer strikten Ablehnung von Empfängnisverhütung und Abtreibung zum Elend der Armen beigetragen haben.

Der Klassiker, der auch durch – Entschuldigung! – gebetsmühlenhaftes Wiederholen nicht wahr wird. Ich lasse die „Abtreibung“ mal weg (weil ich mich heute Abend weigere, auch nur darüber nachzudenken, ob und wie die Tötung menschlichen Lebens ökonomisch zu bewerten ist) und bleibe bei der „Empfängnisverhütung“. Es geht dabei übrigens ausschließlich um die Ablehnung von künstlichen Mitteln zur Empfängnisverhütung; gegen natürliche Empfängnisverhütung hat weder Mutter Teresa noch die Katholische Kirche etwas einzuwenden.

Zur Sache.

1. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen künstlicher Empfängnisverhütung und Bevölkerungswachstum. Zum einen gibt es die Möglichkeit der natürlichen Empfängnisverhütung, zum anderen bekommen die wenigsten Menschen nur deshalb ein Kind, weil keine Verhütungsmittel zur Verfügung stehen. Die Entscheidung für ein Kind hat andere Gründe als die Verfügbarkeit von Verhütungsmittel. Wäre das anders, müsste es sich empirisch nachweisen lassen.

2. Zwischen Katholizismus in der Bevölkerung und dem Wachstum dieser Bevölkerung gibt es aber keinen Zusammenhang. Das größte Bevölkerungswachstum gibt es derzeit in der Sahelzone (mit über 3 Prozent jährlich), auf der Arabischen Halbinsel, im Mittleren Osten und in Bangladesh (2 bis 3 Prozent). Überall dort beträgt der Katholikenanteil deutlich unter 10 Prozent, teilweise sogar unter 1 Prozent. Der gesellschaftliche und politische Einfluss der Kirche ist dort gleich Null. Dort, wo es die meisten Katholiken gibt und der Einfluss der Kirche verhältnismäßig groß ist, nämlich in Lateinamerika, liegt das Wachstum zwischen 1 und 2 Prozent. In den Schwellenländern Lateinamerikas, also etwa in den ABC-Staaten, liegt das Bevölkerungswachstum bei 1 Prozent und damit noch unter dem Weltdurchschnitt (1,1 Prozent).

3. Schließlich: Wer – wie die „Kritiker“ – behauptet, das Bevölkerungswachstum und eine angebliche „Überbevölkerung“ verschulde die Armut, verwechselt Ursache und Wirkung. Denn: Aus Armut folgt Bevölkerungswachstum, nicht umgekehrt. Dem Wachstum der Bevölkerung wirkt man also am besten durch Armutsbekämpfung entgegen. Armutsbekämpfung kann daher nicht bei der Folge, sondern muss bei der Ursache ansetzen. Die Ursache ist die ungleiche Verteilung von Gütern auf der Erde. Und die kann man Mutter Teresa nicht vorwerfen.

Beim schlechtesten Willen nicht.

(Josef Bordat)

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