Judas, der Kassenwart

21. März 2016


Judas Iskariot kommt beim Evangelisten Johannes nicht nur als Verräter Jesu vor, sondern auch als ziemlich perfider Heuchler. Als Kassenwart der Apostel soll er, so Johannes, Gelder veruntreut haben. Als nun im großen Stil wertvolles Öl zum Einsatz kommt, erhebt Judas den Vorwurf der Verschwendung. Und das mit dem edlen Hinweis auf die Armen, denen man mit einer Veräußerung des Öls helfen könne. Johannes jedoch vermutet ein ganz anders Motiv: Judas wolle selbstverschuldete Budgetlücken schließen und instrumentalisiere die Armen zu diesem Zweck. Was wie Mitleid klingt, sei Eigensinn. Wie gesagt: Ziemlich perfide, was wir im heutigen Evangelium (Johannes 12, 1-11) über Judas hören.

Schauen wir uns die Konkordanzstelle beim Evangelisten Markus an. Dieser schreibt: „Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goß das Öl über sein Haar. Einige aber wurden unwillig und sagten zueinander: Wozu diese Verschwendung?“ (Mk 14, 3-4) Und dann: „Man hätte das Öl um mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können. Und sie machten der Frau heftige Vorwürfe“ (Mk 14, 5). Ein moralistisches Nutzenkalkül, durch das der Herr einen Strich macht: „Jesus aber sagte: Hört auf! Warum laßt ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn die Armen habt ihr immer bei euch, und ihr könnt ihnen Gutes tun, so oft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer“ (Mk 14, 6-7).

Im Johannesevangelium wird die Sache deutlicher ausgesprochen. Nicht nur, dass Johannes den Namen der „Verschwenderin“ nennt (es ist Maria, die kontemplativ veranlagte Schwester der aktiven Marta), nein, der Evangelist lässt die Leserinnen und Leser auch über den Urheber des Verschwendungsvorwurfs nicht im Unklaren. Wo Markus unbestimmt bleibt („einige“), nennt Johannes den Namen: Judas Iskariot. Ausgerechnet Judas, „der ihn später verriet“ (Joh 12, 4), stellt die Frage: „Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?“ (Joh 12, 5). Daraufhin wagt Johannes eine eigene Interpretation des selbstgerechten Gehabes: „Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte“ (Joh 12, 6).

Der Umstand, dass Judas die Apostel-Kasse führte, ist Johannes so wichtig, dass er es an exponierter Stelle noch einmal erwähnt, nämlich bei der Schilderung des Letzten Abendmahls (Joh 13, 29). Da berichtet der Evangelist davon, die Apostel hätten eine Weisung Jesu so gedeutet, dass der Herr dem Judas einen Auftrag im Rahmen seiner Pflichten als Kassenwart gegeben habe. Dass er deswegen sogar das Mahl unterbricht, scheint sie nicht zu wundern. Auch scheinen sie zu diesem Zeitpunkt keinerlei Misstrauen gegen Judas zu hegen, was dessen Integrität angeht. Entweder sind die Apostelkollegen erst nach Judas‘ Tod hinter die Unregelmäßigkeiten gekommen, oder aber Johannes versucht nachträglich, dem Verräter Judas Iskariot auch noch die letzte Berechtigung, Apostel Jesu gewesen zu sein, streitig zu machen: nicht nur den Herrn hat er verraten, sondern auch die Zwölf. Und damit die Kirche.

(Josef Bordat)

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