Das große Jobo72-Oster-Interview

28. März 2016


Über die Chancen modernen Konsumgütermarketings, die Niederungen des Autorenalltags und „Drohmail-Toto“ als neuen Trend in der alternativen Berliner Kunstszene.

Es gibt Menschen, die nehmen meine Arbeit als Autor nicht ernst. Gut, muss ich mit leben. Das heißt: Eigentlich ist das nicht gut. Aber ich muss trotzdem damit leben. Fällt aber nicht leicht. Manchmal ist es ja doch so, dass man Zweifel hat: Wer liest denn das eigentlich, was ich hier schreibe? Lohnt sich der ganze Aufwand? Es ist ja Aufwand! Und wofür? Für nichts! Und wieder nichts. Gut: Fast nichts. Wieder fast nichts. Immer wieder!

Und dann gibt es Menschen, die nehmen meine Arbeit als Autor ernst. Sehr ernst sogar. So ernst, dass sie bereit sind, sich strafbar zu machen, nur, damit sie in Zukunft keine Texte mehr von mir lesen müssen. Das sollten sich die Redaktionen dieser Welt mal hinter die Ohren schreiben mit ihrem ewigen „Wir bedanken uns für Ihr Manuskript, müssen Ihnen allerdings leider mitteilen…“! Einer dieser Menschen schreibt mir – ich hatte bereits mehrfach darauf hingewiesen – regelmäßig Mails, die in Sachen Aufmerksamkeitsbedarf stimmungsvoll den Tag erhellen. So auch am Karfreitag.

Mail_Karfreitag

Ich möchte gerne auf die darin gestellten Fragen eingehen.

„solltest du gestörtest stück katholische scheisse nicht endlich mit deiner schreiberei aufhören?“

Und dann? Arbeitslosengeld II (umgspr. Hartz IV, Hartz, pej. Stütze)? Oder: Bankkaufmann? Sie wollen mich wohl umbringen?!

„du weisst doch was das für konsequenzen hat? heut am karfreitag wäre es zeit endlich ein exempel an dir durchzuziehen? wie wäre es mit einer brennenden wohnung? oder soll wir dich gleich entsorgen und passend zum tag kreuzigen?“

Ich bin mir zwar einigermaßen sicher, dass es Ihnen – gemessen an dem, was Sie für gewöhnlich so schreiben – offenbar ziemlich egal sein muss, auf welches Niveau Sie noch absinken, aber wollen Sie wirklich mit Islamisten auf einer Stufe stehen? Ich meine, bei Ihnen ist das ja so, dass Sie Ihre Drohungen bislang nicht wahrgemacht haben, obwohl Sie gegenüber dem durchschnittlichen DHL-Mitarbeiter über den entscheidenden Wissensvorsprung verfügen („Adresse ist bekannt“!). Aber wollen Sie wirklich, dass man Sie mit denen in einem Atemzug nennt, die Christen „passend zum tag kreuzigen“? Wie die Islamisten im Jemen, die Pater Thomas kreuzigten – „passend zum tag“? Wollen Sie das?

Wollen Sie wirklich der Welt denselben Mut beweisen wie die schwerbewaffneten Jihadisten, die ein von Missionarinnen der Nächstenliebe betriebenes Seniorenheim überfallen haben und es dabei – neben den Senioren – auch noch auf die Ordensschwestern und einen in der Kapelle betenden Priester abgesehen hatten? Entschuldigen Sie, wenn ich jetzt etwas persönlich werde, aber: Finden Sie sich manchmal nicht selbst zum Kotzen? So ein ganz klein wenig? Nicht? Naja, hätte ja sein können!

„mach dein scheiss blog endlich zu oder du trägst die konsequenzen.“

Ja, schon klar. Die Konsequenzen für sein Handeln trägt man übrigens immer. Aus der Sache kommt man auch nicht raus, wenn man bei seinem Handeln anonym bleibt. Haben Sie auch schon gemerkt? Na, was red ich dann!

„wer nicht hören will wird fühlen.“

Sagt mein Zahnarzt auch immer. Und: Er hat bisher immer Recht behalten. Von Ihnen hingegen bin ich ein bisschen enttäuscht. Ich meine, Sie müssen mich auch verstehen. Das war bisher immer ganz praktisch: „Wieso soll ich denn die Steuererklärung machen, Schatz? Die kommen doch eh gleich und bringen mich um!“ Und schon hatte ich wieder zwei, drei Tage Ruhe. Aber: Seitdem das siebzehnte Ultimatum verstrichen ist, zieht das nicht mehr. Wissen Sie, was das bedeutet? Eben!

„wir haben lange genug geduld mit dir vollpfosten gehabt. deine zeit ist um!“

„wir“? – Pluralis Majestatis, nehme ich an? Ein gewisser Übereifer im Kontext von Selbsteinschätzung kann ich mir jedenfalls eher vorstellen als den Umstand, dass es in diesem Teil der Milchstraße zwei Menschen Ihrer Disposition geben soll.

Ansonsten – „zeit ist um“. Ja, den Eindruck habe ich manchmal auch. Denn: Mein neues Buch verkauft sich schlecht. Was sag ich: Es verkauft sich gar nicht! Aber zum Glück habe ich ja Sie, meine anonyme Marketingabteilung, die – im Großen und Ganzen – immer dann zur Stelle ist, wenn ich sie brauche. Ihr dürft nur nicht übertreiben, Majestät – sonst denken die Leute noch, ich schreibe mir die Mails selbst. Das heißt: Einige tun das jetzt schon. Also: so denken. Kann ich ihnen kaum verübeln!

Ich meine, jeder Durchschnitts-BWLer müsste eigentlich langsam darauf kommen, dass ich mir die Dinger selber schreibe (ist aber nicht so – wirklich nicht). Aber ich hatte schon – unter uns – so ein bisschen darauf spekuliert, dass da mal wieder was kommt. Ich meine, etwas spät für das neue Buch, aber… naja, ich will jetzt nicht meckern. Es ist nur so: Normalerweise gewinnt man mit einem Buch zum Credo keinen Blumentopf, aber als Todeskandidat… Verstehen Sie? Kostet auch nur 13 Euro 90… Ich will hier aber keine Werbung machen… Mit mehreren farbigen Abbildungen. Und – immer dran denken: Dieses Buch könnte das letzte sein, was Sie von mir le…

Zurück zu Ihnen, Pardon: zurück zu Euch. Sie haben in einigen Punkten Recht (Konsequenzen, Zeit ist um), in anderen Punkten jedoch nicht. Vor allem die Meinung, der Einsatz einer großen Klappe ersetze die Verwendung von großen Buchstaben, sollten wir noch mal in Ruhe einer kritischen Untersuchung anheimstellen. Die nächste Mail ist dann wenigstens in dieser Hinsicht korrekt. In Ordnung? Und: Zeichensetzung, Eure Majestät, Zeichensetzung! Ich hab als Achtjähriger schon für viel weniger Fehler Hausarrest bekommen.

Noch was: Die nächste Mail dann bitte am 19. April. Warum? Folgendes – bleibt unter uns, OK?: Wir spielen im Bekanntenkreis neuerdings „Drohmail-Toto“. Da muss man das Datum des Ultimatums, die Urteilsbegründung und die Hinrichtungsart richtig vorhersagen. Ich habe 10 Euro auf den 19. April gesetzt („katholische Scheiße“ – öffentliches Vierteilen), mein Steuerberater 200 Schweizer Franken auf den 1. Mai („Scheißkatholik“ – Anschlag mit strategischen Kurzstreckenraketen). Wär‘ doch gelacht, oder?

Ich denke, wir haben uns verstanden.

(Josef Bordat)

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