Pazifismus als Antwort auf Terrorismus?

29. März 2016


Der Terror ist allgegenwärtig. Zuletzt schockierte ein Anschlag in Pakistan die zivilisierte Welt. Islamisten richteten sich gezielt gegen Christen. Am Ostersonntag. Sie trafen dabei auch zahlreich Muslime. Das geht vermutlich als Kollateralschaden durch. Zuvor hatten mehrere Anschläge in der Karwoche erneut gezeigt, dass der Terror als eine eigene Art der Kriegsführung begriffen werden muss. Doch: Was tun angesichts des Terrors? Die Antworten reichen vom „Krieg gegen den Terror“ bis hin zur sozialen Verteidigung durch Erhöhung der Sicherheit – unter Preisgabe von Freiheit. Wie lautet die christliche Position? Das heißt: Wie könnte sie lauten? Ist der Pazifismus die angemessene Antwort? Und wenn ja, was bedeutet das?

Es gibt für jede Haltung die passende historische Kulisse. Das gilt auch für den Pazifismus. Im Schatten der Bombe war der Krieg eine Frage von Sein oder Nicht-Sein und die atomare Bedrohung nährte den Pazifismus wie nichts zuvor in der Menschheitsgeschichte. Die Angst vor dem Existenzverlust ist wirkungsvoller als religiöse oder philosophische Überlegungen zur Moral es sein könnten. Umgehend schlug sich die pazifistische Haltung auf höchster Ebene nieder: die Charta der Vereinten Nationen (1945) verbreitet den revolutionären Ethos, Krieg nicht nur zügeln zu wollen (bis dahin das einzige Thema im Recht internationaler Beziehungen), sondern als Institution zu ächten und abzuschaffen. Zumindest von dem Willen dazu war man beseelt.

Auch in der Gesellschaft entwickelte sich ein beachtlicher und auch beachteter Pazifismus: Krieg sollte „nach Gottes Willen nicht sein“ (so die erste Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen, 1948), und auch nicht nach dem des Menschen. Vor allen anderen wandten sich die, die es wissen müssen, vehement gegen den drohenden Atomtod (vgl. etwa die Göttinger Erklärung, in der sich 18 deutsche Nuklearforscher 1957 gegen die Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen wandten). Der NATO-Doppelbeschluss (1979) und die darauf einsetzende Stationierung von Pershing II-Raketen in der Bundesrepublik führte schließlich zu einer breiten Friedensbewegung, die neben den gesellschaftlichen Exponenten Kirche und Wissenschaft von vielen Gruppen und Einzelpersonen getragen wurde, die der Gedanke des pazifistischen Ideals – „Frieden schaffen ohne Waffen!“ – in gleicher, einigender Weise mitriss.

Als dann am 9. November 1989 auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor Menschen aus Ost und West nach der friedlichsten Revolution der Menschheitsgeschichte tanzten und feierten, schien eine Ära utopischen Charakters anzubrechen. Das Zeitalter der Überwindung von Teilung und Trennung schien soeben angebrochen, eine Zeit des Friedens und der Zusammenarbeit im „globalen Dorf“ (McLuhan) nahe. Das Wort vom „Ende der Geschichte“ (Fukojama) wurde geprägt, und in der Tat schien der historische Mensch in einen paradiesischen Zustand „ewigen Friedens“ versetzt. Einigkeit und Recht und Freiheit. Überall. Der Pazifismus schien den Gipfel seiner Karriere erreicht zu haben. Und wie das mit Gipfeln so ist: Von da an ging es bergab.

Um zu wissen, warum, ist es hilfreich, sich den Druck auf die Position der pazifistischen Haltung vorzustellen, wenn die historische Kulisse sich ändert. Grundsätzlich haben es Pazifisten schon schwer genug. Sie treten dagegen an, den naturalistischen Fehlschluss vom Sein auf das Sollen nicht nur theoretisch zu durchkreuzen, sondern daraus für die Praxis handlungsleitende Motive zu gewinnen. Sie stemmen sich gegen die Übermacht der tagtäglich wiederkehrenden Erfahrung des Menschen mit einer andauernden Geschichte von Krieg und Gewalt, die den Realismus zur scheinbar einzig sinnvollen Politikoption erhebt. Doch zunehmend stehen sie unter einem verschärften Rechtfertigungsdruck: Man wirft ihnen vor, sie seien gerade für das verantwortlich, was sie mit ihrer Haltung radikal ablehnen: Krieg und Gewalt.

Man kann dem freilich entgegenhalten, dass es, wären alle Menschen Pazifisten, gar nicht erst zu Krieg und Terror kommt. Doch die Frage bleibt bestehen: Was tun, wenn ein Genozid, wenn die Verletzung des elementaren Menschenrechts auf Leben in gravierendem Ausmaße stattfindet oder stattzufinden droht? Die aktuelle Tendenz – gefestigt durch die bittere Erfahrung mit der Nicht-Intervention während des Genozids in Ruanda (1994), erstmals umgesetzt im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg (1999) – ist folgende: Die pazifistische Gleichung „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz!“ ist in den Ausdruck einer realistische Bedingung zu überführen: „Um Auschwitz zu verhindern, müssen Kriege geführt werden!“

Der Pazifismus – als Modus individuellen Verhaltens unter dem Begriff „Gewissensentscheidung“ freilich nach wie vor geschätzt und rechtlich garantiert –, gerät in Bezug auf die Akteure in der Staatenwelt angesichts von „neuen Kriegen“ (Münkler) und neuen Formen der Gewalt, zu denen der global agierende islamistische Terrorismus zählt, zunehmend in Misskredit. Im Rahmen internationaler Beziehungen wird der Krieg als Reaktion auf die Erfahrungen mit Terror und Genozid wieder als Option eingeführt, als legitime Selbstverteidigung (Notwehr) und als humanitäre Intervention (Nothilfe).

Dennoch: Am Pazifismus als Haltung führt kein Weg vorbei. Zumindest kein christlicher. Denn entscheidend ist und bleibt die Friedenshaltung des Einzelnen, gewissermaßen die „innere Prävention“ von Krieg, Terror und Gewalt. „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“, rät der Apostel Paulus den Christen in Rom. Der Fall ist klar: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, doch der Mensch muss in diesen göttlichen Willen einstimmen, damit Friede möglich wird, echter Friede, der nicht nur eine „Abwesenheit des Krieges“ bedeutet, sondern eine Kultur der Beziehung. Wer jedoch dem Anderen a priori das Existenzrecht abspricht, wie dies Terroristen tun, scheint daran kein Interesse zu haben. Somit bleibt auch die pazifistische Haltung als ultima ratio auf Gewalt verwiesen.

(Josef Bordat)

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