Hauptstadtjournalismus. Keine Ahnung haben als Qualitätsmerkmal

30. März 2016


Es mag ja in gewissen Kreisen als schick gelten, bei jeder Gelegenheit unmissverständlich unter Beweis zu stellen, dass religiös unmusikalisch zu sein eines der wesentlichen Charakterzüge ist, die man trägt, neben dem Hang, alles, was im Verdacht steht, mit Kirche und so zu tun zu haben, zwanghaft in den Schmutz zu ziehen, schon, um sich stets aufs Neue der eigenen intellektuellen Überlegenheit zu versichern. Aber müssen Artikel über die Kirche oder Dinge, die die Kirche zumindest am Rande betreffen, zu gefühlt 95 Prozent aus genau diesen Kreisen stammen? Wer den Tagesspiegel-Beitrag Der Heiligmacher von Berlin gelesen hat, in dem es um die Bemühungen im Zusammenhang mit der Vorbereitung eines Heiligsprechungsprozesses des Seligen Bernhard Lichtenberg geht, stellt sich zumindest diese Frage.

Daran schließen sich weitere Fragen an. Gibt es eigentlich auch noch gläubige Menschen, die über den Glauben schreiben oder müssen das aus medienrechtlichen Gründen neuerdings immer Leute tun, für die der Glaube eine schier absolute Fremdheit besitzt? Bestenfalls. Die mithin so gar keine Ahnung haben? Oder zumindest keine Inneneinsichten, was bei gleichzeitig auftretender Empathieverweigerung auf Keine Ahnung haben hinausläuft? Und noch nicht einmal Freunde, die sie zur Seite nehmen und ihnen wohlwollend raten: „Lass es! Du hast keine Ahnung.“?

Das würde zumindest nachvollziehbar machen, wie man so etwas schreiben kann: „Raus aus der Kirche, hinein in eine andere Welt. Faschingszeit in Berlin, in der Auslage einer Konditorei die Pfannkuchen, davor eine Frau mit Kind. Pfannkuchen, sagt das Kind, das sind ja Pfannkuchen! Voller Glück. Das Glück kommt für die Gläubigen am Ende, wenn die Regeln eingehalten wurden.“ Also: Die Kirche als Fremdkörper in der besseren Welt, die man hier in bescheidener Zurückhaltung die „andere“ nennt. Das säkulare Berlin, in dem es das Glück an jeder Ecke gibt, steht gegen die Regeln der Kirche, die den unbelehrbar Gläubigen allerhöchstens „am Ende“ glücklich sein lassen. Dass es den zitierten Fasching, dem sich Pfannkuchen und Kinderglück verdanken, ohne die Kirche (die katholische!) nicht gäbe, fällt dabei unter den Tisch, ebenso die Differenz von Glück und Glückseligkeit. Aber: Was soll’s! Hauptsache, Religion kommt überhaupt mal wieder in einer Berliner Tageszeitung vor. Auch, wenn dabei alles, was falsch verstanden werden kann, ziemlich zielsicher falsch verstanden wird.

Nichts gegen Texte, die aus einer Ansammlung von Fünf-Wort-Sätzen bestehen und damit locker-flockig wirken sollen (die Gefahr, einfach nur infantil zu sein, ist ja durch die inhaltliche Festlegung gebannt), aber man kann es auch übertreiben. Zumal diese Diktion nicht zum Duktus des Hochmuts passt, mit dem der Verfasser nicht nur den Gegenstand, sondern auch die Personen betrachtet, die damit zu tun haben. Glaube, Kirche, Heiligkeit, Gebet, Wunder – wer sich damit ernsthaft auseinandersetzt (und nicht nur aus Gründen der Belustigung, so wie er, der auktorialste aller möglichen Erzähler), verdient es eben, verhöhnt zu werden und seine „Ähs“ aus dem Interview verschriftlicht vorzufinden.

Ansonsten ist es offenbar die Aufgabe des Verfassers, die Dinge so zu berichten, dass sie möglichst lächerlich wirken. Beleg? Voilà: „Katholiken treten im Gebet bei Gott gerne als Gemeinschaft auf. Je mehr, desto besser. Und Lichtenberg im Himmel ist dann ihr Fürsprecher. Einer mit dem kurzen Draht. Der Umweg über ihn zu Gott ist dann gar keiner. Sondern eher eine Abkürzung. Aber nur, wenn es funktioniert. Und wenn es funktioniert, dann wäre das ein Beweis dafür, dass sie auf der Erde mit ihrer Lichtenberg-Verehrung nicht so ganz falsch liegen.“ Haha. Lustig. Mission erfüllt.

Dass man sich Spott, wie er im Text aus jeder Zeile zu triefen versucht, leisten können muss, scheint den Verfasser gar nicht erst zu kümmern. So werden die Spitzen gegen den Glauben auf derart wackeligen Boden gestellt, das es den Text im Ergebnis vor allem eines macht: extrem dümmlich. Geradezu peinlich für einen Menschen, der älter ist als sieben. Noch ein Beleg? Gerne: „Und dann ist da diese eine andere Sache: dass jemand auf der Erde ein Problem hat und jemanden im Himmel um einen Botengang bittet. Woraufhin der zu Gott geht und Gott das Problem löst.“ So erklärt nur jemand das Fürbittgebet, der wenig später aus dem Archiv wie folgt berichtet: „Denn da steht ein Metallschrank, für den Klein [der Postulator, J.B.] den Schlüssel hat, und darin lagert er seine Schätze in Sachen Lichtenberg. Das sind unsere Lichtenbergica, sagt er; tatsächlich: Lichtenbergica, so heißt das halt, Klein ist da ganz ernst.“ Dem Verfasser hingegen fällt es sichtlich schwer, bei dem Thema, über das er schreiben will, ernst zu bleiben, zu groß ist die Diskrepanz zwischen Erzähler und Erzählung. En passant erklärt er, ein „stecknadelkopfgroßes Steinchen“ stamme „aus der Via Dolorosa in Jerusalem, wo Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung entlanggelaufen sein soll“. Entlanggelaufen.

Schwerer fällt ihm nur noch das Unterdrücken des für religionskritische Freigeister und Geistfreie nicht ganz untypischen Impulses, es einfach mal herausplatzen zu lassen, man sei mindestens neunmal klüger als die Gesprächspartner zusammen. Es muss grausam sein, darum die ganze Zeit zu wissen, aber es eben nicht genau so zum Ausdruck bringen zu dürfen. Jedenfalls nicht hier. Nicht jetzt. Wer gilt schon gern als arrogant? Da müssen die Was muss ich mich informieren, wo ich doch schon alles weiß-Reflexe der Aufgeklärten für den Moment gehemmt und mit kleinen Witzchen verkleidet werden.

Die Sache mit den Reliquien hat es dem Verfasser indes ganz besonders angetan. Da wird er zum gewissenhaften Reporter und geht der Sache nach: „Anruf beim Gesundheitsamt Berlin-Mitte, Abteilung für Hygiene- und Umweltmedizin. Wie findet man das, wenn jemand ein Grab öffnen möchte mit der Absicht, anschließend Knochen auszustellen? Hat er in 20 Berufsjahren noch nicht erlebt, sagt der Beamte, klingt stark nach Einzelfallprüfung. Am Ende wohl ein Fall für den Bezirksbürgermeister. Was sicher ist: Im Fall der Fälle würde die siebenköpfige katholische Delegation von Amts wegen noch ein paar Ausrüstungsgegenstände dazubekommen. Mundschutz, Einweghandschuhe. Ansonsten aber scheint sich eine gewisse Ratlosigkeit am anderen Ende der Leitung auszubreiten.“ Nur am anderen? Ratlosigkeit schützt am wirkungsvollsten davor, Teil einer „Lügenpresse“ zu werden, denn wer lügen will, muss sich auskennen.

Doch vom ganz hohen Ross auf die Kirche herabblickend, bleibt das mit der eigenen Ratlosigkeit regelmäßig unbemerkt und passt subjektiv mit der Wahrheit gut zusammen. Den Hauptstadtjournalismus vom Typus Ego me absolvo kennt, wer Berliner Tageszeitungen liest, und sei es auch nur unregelmäßig. So kommt man dort immer wieder zu erstaunlichen Gesamturteilen in Gretchen- und verwandten Fragen. Da will der Verfasser nicht nachstehen: „Berlin im Jahr 2016 – eine Stadt voller Parallelgesellschaften. Manchmal überschneiden sie sich, dann treten die einen aus ihrer Welt und sprechen vor bei den anderen. Dass es gut möglich sei, dass die Kranken gesund wurden, weil im Himmel einer zum lieben Gott gegangen ist und darum gebeten hat. Und ob man nicht mal reden könne. Öffnet man solchen Menschen die Tür?“ Rhetorische Frage. Solchen Menschen doch nicht! In Berlin! Im Jahr 2016! In einer Zeit, in der es für Hauptstadtjournalisten die einzige Voraussetzung zu sein scheint, keine Ahnung zu haben, sobald sie über Glaube, Religion und Kirche schreiben.

(Josef Bordat)

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