Gehorsam und Gewissen

7. April 2016


Man führte sie herbei und stellte sie vor den Hohen Rat. Der Hohepriester verhörte sie und sagte: Wir haben euch streng verboten, in diesem Namen zu lehren; ihr aber habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt; ihr wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Herrscher und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen. Als sie das hörten, gerieten sie in Zorn und beschlossen, sie zu töten. (Apostelgeschichte 5, 27-33).

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Wer die Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin besucht, findet vor dem Eingang zum Gelände des Konzentrationslagers ein Stelenfeld mit Gräbern und Gedenktafeln der unterschiedlichen Opfergruppen, zum Teil auch prominenter Einzelpersonen. So wie die Stele des 1937 von den Nazis im KZ Sachsenhausen ermordeten evangelischen Juristen Friedrich Weißler. Der aus Polen stammende Berliner Richter gehörte zum christlichen Widerstand aus den Reihen der Bekennenden Kirche. Weißlers Gedenkstele verkündet der Nachwelt die Maxime seines Denkens und Wirkens: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Gedenkstele für Friedrich Weißler; Gedenkstätte KZ Sachsenhausen bei Berlin. Foto: JoBo, 5-2014.

Gedenkstele für Friedrich Weißler; Gedenkstätte KZ Sachsenhausen bei Berlin. Foto: JoBo, 5-2014.

Die heutige Lesung stellt uns dieses Grundprinzip christlichen Gewissensgebrauchs vor Augen. Die Jünger stehen vor der herrschenden religiösen Obrigkeit, weil sie deren Anordnungen missachteten – zugunsten der Anweisungen von „höherer Stelle“, von Gott. Sie rechtfertigen sich mit dem unbedingten Mandat Gottes, der sie zu Zeugen seiner Herrlichkeit gemacht hat: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen – das ist nicht die trotzige Reaktion von Querulanten, die sich wichtig tun, sondern eine zentrale Einsicht der jungen christlichen Gemeinde, eine Einsicht, die Mut machen soll, treu im Glauben zu stehen und die Verfolgungssituation zu ertragen, die sich in den ersten drei Jahrhunderten einstellte, überall dort, wo Christen lebten.

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen – das ist für viele gläubige Menschen in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts zu einem Lebensanker geworden, unter den Nazis ebenso wie in der DDR. Für uns heutige Christen sollte dies ein Motiv sein, unseren Glauben mutig zu bekennen, trotz neuerlicher Verfolgung unterschiedlichster Form.

Stele_Weißler_Detail

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Das ist sicher leichter gesagt als getan, doch führt letztlich kein Weg am Gehorsam gegen Gott vorbei. Denn es ist für den Christen der Gehorsam gegen das Gewissen, gegen das Innerste, Tiefste, Heiligste. Wer als Christ dem Menschen mehr gehorcht als Gott, mag sein Ansehen in gottloser Gesellschaft aufpolieren oder gar seine Existenz retten – glücklich kann er nicht werden.

(Josef Bordat)

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