Amoris laetitia und das Gewissen

11. April 2016


Ich habe – Asche auf mein lichtes Haupt – das Wochenende nicht mit Amoris laetitia verbracht, zumindest nicht mit dem Schreiben. Mir ist aber aufgefallen, dass in den zahllosen Bewertungen, denen ich mich dann doch nicht entziehen konnte, ein Wort immer wieder fällt: Gewissen. Papst Franziskus setze die durch das Zweite Vatikanische Konzil begonnene Stärkung des Gewissenskonzepts fort. Das bringt mich jetzt doch dazu, kurz einzuhaken.

Das mit dem Gewissen ist nämlich so eine Sache. Im Gewissensgebrauch trifft die subjektive Perspektive des Individuums (also: des Gläubigen) auf die objektive Normativität der Gemeinschaft (also: der Kirche). Während aus dem Blickwickel des Subjekts Beliebiges erkannt werden kann und der Gewissensgebrauch damit in einen „So sehe ich das!“-Relativismus herabzusinken droht, der Authentizität und persönliches Wohlergehen zu den alleinigen Kriterien von Moral macht, kann die objektive Ordnung durch zu starke Verbindlichkeit jeden Spielraum eigener Verantwortungsübernahme des Einzelnen zunichte machen. Wird der Gewissensgebrauch im Subjektivismus durch Relativität und fehlende Verbindlichkeit in Bezug auf die objektive Norm- und Wertordnung in seiner Unberechenbarkeit zur Gefahr für die Allgemeinheit, so wird er im Objektivismus vom Vorrang der Normativität im Keim erstickt. Polemisch gesagt: Das subjektivistisch formierte Gewissen ist zu allem fähig, das objektivistisch eingefasste Gewissen zu nichts zu gebrauchen.

Wenn also in der Moraltheologie vom Gewissen die Rede ist, steht auf der einen Seite die Furcht vor Willkür und Anarchie, vor einem losgelösten Individuum, das die Fähigkeit verloren hat, sich überhaupt noch an allgemeine Werte und Normen zu binden, auf der anderen Seite der Vorwurf, das Gewissen werde in seiner Fähigkeit zur Kritik der Werte und Normen unterschätzt, gerade dadurch, dass man es zu sehr auf eben diese Werte und Normen festlegt. Auf der einen Seite scheint zu gelten: Wenn wir das Gewissen nicht mehr an objektiven Maßstäben messen, sondern dem Einzelnen überlassen, hat jeder die Chance, durch entsprechende Gewissensbildung ein „gutes Gewissen“ zu bekommen, auf der anderen Seite scheinen die objektivistischen Forderungen das Gewissen zu überfrachten und zu lähmen.

Das weiß Franziskus natürlich – und holt in Amoris laetitia das Konzept genau in dieser Spannung ab. Er meint: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen“ (Nr. 37). Genau darum geht es. Weiterhin zitiert Franziskus die einschlägigen lehramtlichen Texte, in denen das Gewissen eine Rolle spielt, um es als „die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist“ zu definieren (Nr. 222; nach Gaudium et spes, Nr. 16).

Das eigentliche Problem liegt nach Franziskus demnach nicht im Gewissensgebrauch, sondern in dem, was wir fälschlicherweise dafür halten: „Um gut zu handeln, reicht es nicht, ’sachgemäß zu urteilen‘ oder ganz klar zu wissen, was man tun muss – obschon das vorrangig ist. Oft sind wir inkonsequent mit unseren eigenen Überzeugungen, selbst wenn diese gefestigt sind. Sosehr unser Gewissen uns ein bestimmtes moralisches Urteil eingibt, haben hin und wieder andere uns anziehende Dinge mehr Macht, wenn wir es nicht erreicht haben, dass das vom Verstand erfasste Gute sich als tiefe gefühlsmäßige Neigung in uns eingewurzelt hat“ (Nr. 265).

Franziskus will also keineswegs, dass Gewissen als moralischer Joker zum Einsatz kommt, gar als Gegenkonzept zu Gebot. Er will eine dialogische Pastoral, die den einzelnen Menschen in den Blick und das Gewissen ernst nimmt. Er fordert, „dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss“ (Nr. 303). Zunächst aber will Franziskus, dass sich der einzelne Mensch selbst ernsthaft in den Blick nimmt und einen inneren Dialog führt, vor seinem von der Kirche gebildeten (und insoweit „recht geformten“, Nr. 302) Gewissen.

Als Synthese formuliert der Heilige Vater schließlich eine etwas sperrige Konzeption des Gewissens für die pastorale Praxis, die jedoch für beide Seiten (für den Gläubigen als Vertreter der Subjektivität und für die Kirche als Hüterin der Objektivität) alles beinhaltet, was eine wohlabgewogene Anleitung zum Gewissensgebrauch benötigt: „Selbstverständlich ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen. Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. Auf jeden Fall sollen wir uns daran erinnern, dass diese Unterscheidung dynamisch ist und immer offen bleiben muss für neue Phasen des Wachstums und für neue Entscheidungen, die erlauben, das Ideal auf vollkommenere Weise zu verwirklichen“ (Nr. 303).

Also: Papst Franziskus traut dem Gewissen weitreichende Erkenntnis zu, sowohl die Erkenntnis dessen, was falsch läuft (das obliegt zunächst dem einzelnen Gläubigen), als auch die Erkentnis des rechten Umgangs mit dem objektiv Unvollkommenen (hier ist dann vor allem die Kirche bzw. deren seelsorglich-pastoral tätige Mitarbeiterschaft gefragt), angesichts eines konkreten Subjekts, das hier und jetzt eine Antwort der Kirche von Gott her erwartet – vom Gott des Gebots und vom Gott der Gnade; und zugleich wirksame Hilfe bei der wichtigsten Erkenntnis erhalten sollte: dass dieser Gott ein Gott ist, dessen Normen barmherzig sind, dessen Liebe daher geboten werden kann und auf dessen Gnade wir deswegen vertrauen dürfen.

Damit sagt Franziskus nichts Neues. Aber das habe ich ja auch nicht behauptet.

(Josef Bordat)

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