Gewissen im Praxistest

12. April 2016


Andreas Kersten, der Apotheker aus Neukölln, hat es – „umstritten“, wie er nun mal ist – wieder einmal in die Berliner Presse geschafft.

Was muss man tun, um in Zeiten von Krieg, Terror, Migration und Champions League-Viertelfinale in die Zeitung zu kommen? Die Latte hängt hoch: Man muss tatsächlich für „verantwortungsvollen Umgang mit Verhütungsmitteln“ werben. Dann hat man die Schlagzeile. Dann hat man die kostbare Ware Aufmerksamkeit. Dann hat man es geschafft – in die Zeitung.

Obwohl: „geschafft“ ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Ich kenne den Apotheker aus Neukölln nicht persönlich, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass er großen Wert darauf legt, mit seiner Apotheke ständig thematisiert zu werden. Er will doch offenbar nur zweierlei: Katholik und Apotheker sein. Gleichzeitig. Das sollte doch gehen. Jedenfalls solange die Kommentatoren in den Sozialen Netzwerken (Zitat. – „Das ist doch einen Shitstorm wert!“ – Zitat Ende.) nicht die Regeln unseres Zusammenlebens bestimmen. Denn dann wäre es schnell vorbei mit Gewissen, Freiheit und Gewissensfreiheit.

So wird der Gewissensgebrauch des Apothekers aus Neukölln nicht nur im Hinblick auf die dafür erforderliche Gewissensnot in Frage gestellt (der Verfasserin des Berliner Zeitung-Artikels gilt Kerstens Motiv offenbar als vorgeschoben: „Aus Gewissensgründen, wie er sagt“ – sagen kann er ja viel!), sondern darüber hinaus geradezu kriminalisiert. Man traut Kersten auf Twitter zu, Kunden wissentlich zu betrügen, ihre Gesundheit zu schädigen und – selbstverständlich – „Nazi“ zu sein.

Vielleicht werden Soziologen in hundert Jahren herausfinden, warum eine Gesellschaft überschäumt vor Wut und Hass, wenn ihr ein „verantwortungsvoller Umgang mit Verhütungsmitteln“ nahegelegt wird. Für den Moment können wir nur festhalten: Wer von seinem Gewissen Gebrauch macht, gilt als „umstritten“ und sorgt „für Empörung“ (Berliner Zeitung). Er muss den Behörden „gemeldet“ werden (Twitter – Nota bene: Der „Nazi“ ist selbst dann immer noch der „Gemeldete“!).

Natürlich gilt das mit der Meldepflicht nur dann, wenn der Gewissensgebrauch religiös geprägt ist. Das heißt: Eigentlich nur dann, wenn es sich um ein katholisches geformtes Gewissen handelt. Wer als Veganer, Hindu oder Sozialpädagoge von seinem Gewissen Gebrauch macht, hat die Berliner Massen hinter sich. Ein gewissenhafter Katholik ist einsam.

Die unkommentierte Auflistung der Straftaten gegen die Apotheke im Artikel der Berliner Zeitung erscheint im Lichte der vorab konzedierten „Empörung“ wie eine nüchtern-affirmative Darstellung der zu erwartenden Folgen bei unliebsamem Gewissensgebrauch: legitimer – was sag ich: notwendiger! – Widerstand. Zumal „um den 8. März herum, den Weltfrauentag“. Als sei Verhütung bloß Sache der Weltfrauen. Und obgleich es kein Recht auf Beschmutzung fremden Eigentums aus Gewissensgründen geben kann.

Die diskreten und unaufdringlichen Aktionen des Apothekers aus Neukölln verdienen Beachtung, weil sie den Wert des Lebens und die Würde des Menschen unterstreichen. Hochachtung verdient ihr Urheber, weil er damit seinem Gewissen folgt. So setzt er sein Gewissen einem Praxistest aus, der für die Gewissensfreiheit hierzulande insgesamt eine Bedeutung hat.

Denn: Zu sehen, wie restriktiv die Gewissensfreiheit im öffentlichen Meinungsbild ausgelegt wird, wenn die aus ihr folgenden Entscheidungen diesem zuwiderlaufen (gerade das ist aber der Kern des Gewissensgebrauchs – wer ohnehin mit den Wölfen heult, braucht ja sein Gewissen nicht zu bemühen), zu lesen, was einem gewissenhaften Menschen zugetraut, zugeschrieben und zugestanden wird, macht mich doch einigermaßen ratlos.

Bevor ich’s vergesse: Hut ab, Herr Kersten!

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: