Geburtstagsgedanken

20. April 2016


Vielleicht gehört es ja zu den Privilegien der Reife (um jetzt nicht „des Alters“ zu sagen), dass man nicht mehr allzu hart mit Menschen ins Gericht gehen mag. Schließlich nimmt die Erfahrung zu – auch die negative, insbesondere die des eigenen Versagens. Ich gehöre etwa zu denen, die es dem Papst weder übel nehmen, am letzten Wochenende nicht die Welt gerettet zu haben (obwohl er sich das finanziell ja leisten könnte), sondern nur zwölf Menschen, noch ihm vorwerfen, damit die Islamisierung Europas besiegelt zu haben (bei den zwölf Menschen, die per Losverfahren ausgewählt wurden, handelt es sich um Muslime) – nein, ich möchte keines vom beidem. Ich möchte mich nur freuen, dass der Papst drei Familien einen Neuanfang ermöglicht, mit freundlicher und tatkräftiger Unterstützung der Gemeinschaft Sant‘Egidio.

Denn: Es gibt eine Alternative zum Ärger darüber, dass keine Christen gerettet wurden: die Freude darüber, dass Menschen gerettet wurden. Ja, Menschen. Ich hab’s recherchiert. Dass der Hinweis, es sei schwer vorstellbar, zwölf verfolgte Christen fänden Zuflucht in Mekka, ohne jeden Zweifel auf den richtigen Annahmen basiert, bedeutet nicht, er sei hier angebracht, um zu unterstellen, Franziskus falle leidenden Glaubensgeschwistern in den Rücken. Man kann vielleicht über diesen Papst sagen, aber nicht, dass ihm das Theme Christenverfolgung gleichgültig wäre. Schließlich sollte es auch irgendetwas geben, das uns Christen vom Islam unterscheidet. Und da ist Nächstenliebe ohne Ansehen der Person und ohne voreilige Einschränkung des Wirkungsfelds ein möglicher Differenzkandidat. Samariter und so.

Also: Freude über Franziskus. Damit gehöre ich auf diesem Teil der Erdoberfläche – gemessen an dem, was so an mich herangetragen wird – eher zu den Ausnahmen. Diktiert wird die Meinungsbildung doch sehr stark von negativen Stimmen, folgt man den üblichen Verdächtigen in den Kommentarspalten der üblichen Qualitätsmedien (z.B. Tagesschau und Spiegel).

Und das, obgleich der Papst selbst seinen (für diese diplomatische Ebene) spontanen Akt christlicher Nächstenliebe nicht überbewertet wissen will. Es sei nicht Großes, was er tat, meinte Franziskus zu seiner Aktion. Das wiederum, so die Berliner Zeitung, meine er „wohl auch, um Kritikern zuvorzukommen“ – diese Einschätzung zum Motiv aus der Feder eines Vertreters der stets zur Kirchenkritik sprungbereiten Presse klingt zwar eher wie das Ergebnis der üblichen Projektionsleistung im Zusammenhang mit dem, was der Papst tut oder auch nicht tut, sagt oder auch nicht sagt, denkt oder auch nicht denkt, aber was soll’s. Gelungen ist ihm das mit der Prävention ohnehin nicht, denn – wie bereits erwähnt: Es hagelt Kritik.

Ich höre desöfteren: Die Kirche hat ein Kommunikationsproblem. Richtig. Doch: Die Gesellschaft hat – in weiten Teilen – ein Wahrnehmungsproblem. Angesichts dessen ist es egal, was, wie oder worüber die Kirche spricht – sie (und sie allein) ist böse. Deutlich wird das, wenn man sich anschaut, wie Menschen, die ja zumindest soweit über Kulturtechnik und Kognition verfügen müssen, als sie Texte im Internet aufrufen können (ob sie sie wirklich auch lesen, sei dahingestellt), wie also Menschen auf die Nachricht reagieren, der Papst habe zwölf Flüchtlinge zu sich nach Rom genommen.

Diejenigen, die zuvor sagten, der Papst tue „nichts“, sagen dies – immer noch. Sogar in verstärktem Maße. Er tue quasi gleich doppelt „nichts“, zum einen, weil er die Flüchtlinge nicht im Petersdom unterbringt (daran, wie hart es sich auf Marmorböden schläft, denkt der besorgte Papstkritiker natürlich erst ganz zuletzt), zum anderen, weil er als Oberhaupt einer Organisation mit Billiarden auf dem Girokonto den Flüchtlingen ja „sofort eine Stadt bauen könnte“ (ich denk mir das nicht aus, dafür habe ich gar nicht die Zeit). Also, an der Kritik gemessen wäre es besser gewesen, weiterin „nichts“ zu tun. Denn Stellungnahmen wie diese: „Also bitte, liebe Christenmenschen erklärt mir, wie man mit geheuchelten leeren Sprüchen etwas in dieser Welt verändern kann, außer dass dies ein paar Bekloppte für wichtig und gut befinden“, kann man auch bequemer einheimsen als mit beherzten Taten. Mit leeren Sprüchen etwa.

Dann gibt es freilich noch diejenigen, welche die Bedeutung des Wortes „nichts“ kennen und bei einem Vergleich mit dem Verhalten des Papstes einen unauflöslichen Rest entdecken, der sich auch mit Polemik nicht wegspülen lässt. Diese Klasse-A-Kritiker unterstellen dem Pontifex dann eben unlautere Motive: Werbung, Mission, Aufmerksamkeit, Heuchelei, Steuervergünstigungen oder eben Klientelpolitik und Nepotismus: Bevor man einem Papst auch nur einen Daumen breit Menschlichkeit zugesteht, muss man – mit einem Zeitgenossen, der im Präludium betont, es sei „in dritter Generation überzeugter Atheist“, bedenken, dass es „auch unter Syrern und Afghanen verfolgte Christen oder gar katholische Kirchendiener (Pfarrer, Nonnen, Küster, Diakone)“ gebe. Nicht auszudenken, wenn auch nur einer der Zwölf jemanden kennen würde, der Kontakt mit jemandem hätte, der katholisch ist. Küster gar!

So schwebt die beunruhigende Frage über dem Scheitel überzeugter Atheistenhäupter, ob Franziskus hier am Ende nicht nur Seinesgleichen Willkommen heißt und bereits bei Menschen ohne Firmung vergisst, was Nächstenliebe bedeutet. Daher: „ich wüsste doch gern, welcher Religion die auserwählten Flüchtlinge angehören“. Und ich wüsste gerne, warum die Fähigkeit, Fakten aus Texten herauszulesen bzw. sich darüber hinaus in frei zugänglichen Quellen über Sachverhalte zu informieren, bei überzeugten Atheisten offenbar spätestens ab der dritte Generation verloren geht. Immerhin werden hier die Küster erwähnt – noch vor den Diakonen. Das tut gut.

Wenigstens das. Aber ich wollte ja eigentlich meine soeben hinzugewonnene Reife belegen. Doch zum Alter gehört ja auch – so sagte man mir – ein Zugewinn an Weisheit und Einsicht. Und siehe da, hier schließt sich der Kreis, denn ich sehe ein, dass ich wissen sollte: Es ist bei so umfänglicher Unsachlichkeit und Ungerechtigkeit, bei solch abwegigen und falschen Kontextualisierungen, bei derart dreisten und bösartigen Unterstellungen, bei so großen Informationsdefiziten (um nicht von himmelschreiender Einfalt sprechen zu müssen oder von dem, was ich gerade denke) so verdammt schwer, gelassen zu bleiben. Alter!

(Josef Bordat)

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