30 Jahre Tschernobyl

25. April 2016


„Gegen das Verdrängen und Vergessen“ der Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 wehrt sich eine Gruppe katholischer Würdenträger aus der Ukraine um die Erzbischöfe Tadeusz Kondrusiewicz (Minsk-Mohilev) und Mieczyslaw Mokrzycki (Lwiw). Sie reisen in diesen Tagen nach Rom zu Papst Franziskus. Die Katholische Soziallehre hat indes keine klare Position zur friedlichen Nutzung der Atomkraft. Während die Ächtung der Atomwaffen seit dem Zweiten Weltkrieg Teil der christlichen Friedensethik ist, steht die Kirche der Atomenergie offen gegenüber. Immerhin ist der Vatikan Mitglied der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA).

Aber ein durchaus kritisches. Anlässlich deren 50. Gründungstag sagte Papst Benedikt XVI. am 29. Juli 2007: „Die in den letzten 50 Jahren eingetretenen epochalen Veränderungen machen deutlich, daß an den schwierigen Scheidewegen, an denen sich die Menschheit befindet, der Einsatz immer aktueller und dringlicher wird, für die Nicht-Verbreitung von Nuklearwaffen einzutreten, eine progressive und konzertierte Abrüstung von Kernwaffen zu fördern und den friedlichen und sicheren Gebrauch der Kerntechnologie für eine echte Entwicklung zu begünstigen, die die Umwelt achtet und immer auf die benachteiligteren Völker bedacht ist.“

Nuklearwaffen: Nein. Friedlicher und sicherer Gebrauch der Kerntechnologie: Ja. Soweit Benedikt. Dagegen hat sich der katholische Philosoph Robert Spaemann eindeutig positioniert: gegen die Nutzung der Kernenergie, in welcher Form auch immer. Denn er sieht in ihr generell eine lebensfeindliche Kraft am Werk – werde sie nun zivil oder militärisch genutzt. Auf der Höhe des technik- und umweltethischen Diskurses, immer wieder auf Carl Friedrich von Weizsäcker rekurrierend, begründet Spaemann in seinem 2011 bei Klett-Cotta erschienen Buch Nach uns die Kernschmelze (Rezension), warum er die Kernenergie für prinzipiell lebensfeindlich hält: Ihr Funktionieren basiere auf Zerstörung, ihr wohne gleichsam der Tod bereits konstitutiv inne.

Die Entfesselung der Kernenergie in der Atombombe ist der „Anfang des Unfriedlichen“ dieser Energie überhaupt, so dass die Rede von der „friedlichen Nutzung“ nur Augenwischerei ist, um an der Lebensfeindlichkeit vorbeisehen zu können. Spaemann hält die Kernspaltung für ein Phänomen, dessen Kraft wir in erster Linie deswegen ungenutzt lassen sollten, weil wir sie nicht beherrschen. Auch wenn die Technologie das Risiko einer unkontrollierten Entfaltung von Atomenergie minimieren kann, wird es nie gleich Null. Und erst dann wäre eine Nutzung zu verantworten, denn man verwette nicht das Leben seiner Kinder, so Spaemann, auch nicht wenn die Gewinnchance bei 99:1 läge.

30 Jahre nach Tschernobyl – und zahlreichen anderen Stör- und Zwischenfällen – lässt sich mit Robert Spaemann das Problem der Kernernergie auf den Punkt bringen: die Risiken eines GAUs und die ungeklärte Entsorgungsfrage zeigen die Unbeherrschbarkeit der Atomtechnologie. Billiger Strom heute ist damit angesichts der immensen Hypothek für die Zukunft nicht gerechtfertigt. Oder, mit Spaemann: Wir haben nicht das Recht, „unsere augenblicklichen Wertschätzungen, also das, was uns wichtig erscheint, zum Maßstab dafür zu machen, was wir künftigen Generationen als natürliches Erbe hinterlassen“. Ergo: Atomkraft? Nein danke!

(Josef Bordat)

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