Carl Friedrich von Weizsäcker

28. April 2016


Vor neun Jahren, am 28. April 2007, verstarb einer der bedeutendsten Intellektuellen der Bundesrepublik: Carl Friedrich von Weizsäcker, der Bruder des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er hinterlässt ein facettenreiches Erbe. Der häufig überstrapazierte Titel „Universalgelehrter“ hat bei Carl Friedrich von Weizsäcker durchaus seine Berechtigung. Er mag an dieser Stelle genügen, um eine wage Vorstellung von der immensen Schaffenskraft dieses bedeutenden Wissenschaftlers zu bekommen. In der Tat: Ein großer Bogen überspannt seinen Lebensweg vom Atomphysiker zum Friedensphilosophen. Auf dieses letzte, zugleich herausragende Wirken als Pazifist sei hier das Augenmerk gelenkt.

Carl Friedrich von Weizsäcker wusste, wovon er sprach, wenn er die Atomtechnik kritisierte, denn er war sowohl in der Philosophie als auch der Physik zuhause. Dass Physiker unter dem Eindruck dessen, was mit ihrer Forschung geschieht, zu Friedensaktivisten werden, ist nichts ungewöhnliches – Einstein hatte es gleich nach dem Zweiten Weltkrieg überzeugend vorgelebt. Doch das Engagement, das von Weizsäcker insbesondere nach seiner Emeritierung (1980) unter dem Motiv eines „radikalen Pazifismus“ zeigte, war in Tiefe und Breite einzigartig für einen Wissenschaftler seiner Reputation.

Und es war hilfreich für die junge Friedensbewegung, die in der Hochphase des Ideologiekonflikts und der atomaren Aufrüstung eine prominente Leitfigur hatte, die nicht allein aus einem diffusen Gefühlsempfinden argumentierte, sondern mit unvergleichlichem Sachverstand. Wie gesagt: Wenn Carl Friedrich von Weizsäcker das Wort „Atom“ in den Mund nahm, wussten alle, dass er wusste, wovon er sprach.

Für die Akademie hat er in der Schnittmenge von Physik, Philosophie und Friedensethik, in der Wissenschaftstheorie, die bahnbrechende Unterscheidung von „Entdeckung“ und „Erfindung“ vorgenommen, welche Grundlagenforschung ermöglicht (diese führt zu „Entdeckungen“) und zugleich die Frage der moralischen Verantwortlichkeit nicht ausblendet, denn, so von Weizsäcker, es komme darauf an, was mit den Entdeckungen geschehe (also auf die „Erfindungen“).

Damit begegnet er einer radikalen Wissenschaftsfeindlichkeit ebenso wie dem Anspruch der Industrie auf ethisch unreflektierte Verwendung von Forschungsergebnissen. Nicht das Wissen an sich stellt also das moralische Problem dar, sondern der Umgang mit dem Wissen, insbesondere dessen Umsetzung in der Technik.

Interessant ist bei diesem Diskurs um Wissen, Technik und Verantwortung, dass das philosophische Spätwerk Carl Friedrich von Weizsäckers stark religiös geprägt ist. Ein Umstand, der sich bei vielen seiner Kollegen aus der Physikerzunft aufweisen lässt; man denke etwa an das Diktum seines Lehrers Werner Heisenberg: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Carl Friedrich von Weizsäcker sieht in der Religion, insbesondere der christlichen, eine Kulturinstanz, mit der sich sein pazifistisches Programm realisieren lässt.

Carl Friedrich von Weizsäckers Denken bleibt auch nach der Überwindung der bipolaren Weltordnung und der unmittelbaren atomaren Bedrohung Europas hochaktuell. Die „neuen Kriege“ (insbesondere – aber nicht nur! – der Terrorismus) und die „neue Aufrüstung“ (insbesondere – aber nicht nur! – im Nahen und Mittleren Osten) machen Vordenker und Vorbilder eines (im wahren Sinne) radikalen und (im weitesten Sinne) religiösen Pazifismus nötig. Vielleicht nötiger denn je.

(Josef Bordat)

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