Der erste ganz Große: Arthur Friedenreich

19. Mai 2016


11 Fußballer, die man kennen sollte, auch, wenn man sich eigentlich mehr für Byzantinistik, die Poincaré-Vermutung und Origami interessiert – Teil 1 der Serie zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich

Wir schreiben das Jahr 1919. Europa sucht nach dem Ersten Weltkrieg den Neuanfang, die Welt im Völkerbund eine rechtliche Gestalt friedlicher internationaler Beziehungen. Das Schloss Versailles vor den Toren Paris‘ spielt in beiden Fällen eine Rolle: Im Januar wurde dort der Friedensvertrag unterzeichnet, im April die Völkerbundsatzung angenommen. Das „kurze 20. Jahrhundert“ (1919-1989) hatte begonnen.

In Brasilien wird 1919 Fußball gespielt. Die dritte Copa América – das älteste immer noch ausgetragene Nationenturnier – findet statt. Im Entscheidungsspiel stehen sich Brasilien und Uruguay gegenüber. Brasilien gewinnt 1:0 nach Verlängerung. Der Torschütze in der 150. und letzten Minute der vierten 15-minütigen Verlängerung – quasi der Mario Götze Brasiliens – ist ein gewisser Arthur Friedenreich.

Dieses Tor hat ihn unsterblich gemacht. Zumindest in Brasilien, das dadurch seinen ersten von acht Titeln in der Südamerikameisterschaft gewann. Hierzulande ist Arthur Friedenreich praktisch unbekannt. Es wird Zeit, das zu ändern. Denn Friedenreich ist Jahrzehnte vor Pelé der König des Spiels – und wie dieser ist Friedenreich dunkelhäutig. Vor allem aber ein Torjäger, der selbst Pelé in den Schatten stellt: In 1239 Spielen soll er laut FIFA-Statistik 1329 Tore erzielt haben – ein einsamer Rekord.

Der Sohn eines deutschen Auswanderers und einer Afro-Amerikanerin kam 1892 in São Paulo zur Welt und hat zunächst einen schier übermächtigen Gegner auszuschalten: den Rassismus. Fußball ist in Brasilien zu dieser Zeit das Spiel der Weißen. Bis 1909 darf Friedenreich keinem Club beitreten, danach spielt er für die von Deutschstämmigen gegründete Mannschaft SC Germânia São Paulo (eine Hommage an den SC Germania Hamburg). Doch auch dann hat es der technisch versierte Stürmer schwer: Fouls gegen ihn werden oft nicht geahndet, Demütigungen sind an der Spieltagesordnung. So soll er regelmäßig genötigt worden sein, sich die Haut mit Mehl zu weißen. Zudem glättete er sich die krausen Haare oder spielte mit Haarnetz.

Seiner großen Karriere tat das aber keinen Abbruch. Nur an einer Weltmeisterschaft konnte der Pé de Ouro („Goldfuß“) nicht teilnehmen – 1930 waren nach Verbandsquerelen keine Spieler aus São Paulo im Kader der Seleção (die prompt in der Vorrunde ausschied), 1934 war Friedenreich schon zu alt. Heute undenkbar, damals völlig normal: Nach der Zeit auf dem Fußballplatz und einer kurzen Trainertätigkeit begann für den Top-Torjäger das Arbeitsleben in einer Brauerei. Am 6. September 1969 stirbt Arthur Friedenreich in seiner Heimatstadt São Paulo – einsam und verarmt. Und von der Fußballwelt vergessen, obgleich diese ihm die Körpertäuschung (mit der Friedenreich den Fouls seiner Gegner auswich) und den Effetschuss verdankt (und mit diesem auch die „Bananenflanke“).

Die Fußballwelt hatte sich in den 50 Jahren seit Friedenreichs großem Triumph bei der Copa América sehr gewandelt. Weitere knapp 50 Jahre später ist die Kommerzialisierung noch einmal vorangeschritten. Dass Spieler vom Profil Arthur Friedenreichs nach ihrer Karriere einer gewöhnlichen Arbeit nachgehen müssen, ist heute eher selten der Fall. Nur eines ist dem Fußball erhalten geblieben: der Rassismus. Nicht so offen wie vor 100 Jahren, aber doch immer noch so eklatant, dass die UEFA die Stars der Champions League für jenes Nein zum Rassismus werben lässt, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.

(Josef Bordat)

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