Dreifaltigkeitssonntag

22. Mai 2016


In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden. (Joh 16, 12-15)

Heute feiert die Kirche den Dreifaltigkeitssonntag (Trinitatis). Johannes beschreibt an unterschiedlichen Stellen, wie sich der eine Gott in drei Personen zeigt, die doch eines Wesens sind. Er lässt uns die Einheit in Gott ebenso spüren, wie er uns erahnen lässt, dass dazu eine Beziehung tiefer Abhängigkeit gehört, die auch eine Verschiedenheit der Personen impliziert. Johannes entfaltet in den Abschiedsreden (Joh 13, 31 bis 16, 33) eine trinitarische Theologie, indem er das Wesen Gottes als Beziehung von Vater und Sohn, die im Heiligen Geist fest verbunden sind, immer wieder aufgreift.

So wie in der Perikope heute. Darin sagt Jesus: „Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.“ (Joh 16, 15) Der „Geist der Wahrheit“, der Heilige Geist, um den es hier geht, kommt also aus Gott und ist zugleich von Jesus genommen. Das geht nur, wenn Vater und Sohn wesentlich eins sind. Es ist geradezu tragisch, dass aus diesem tiefen Geheimnis des Glaubens ein handfester konfessioneller Streit entstand. So bekennt die Westkirche den Heiligen Geist als aus Vater und Sohn hervorgehend („qui ex Patre Filioque procedit“ – „der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“), während im Bekenntnis der Ostkirche das Filioque fehlt und bis heute eine Unterordnung des Sohnes unter den Vater in Bezug auf den Geist bekannt wird („der aus dem Vater durch den Sohn hervorgeht“). Die Frage von Koordination (Westkirche) oder Subordination (Ostkirche) ist – neben dem Papstprimat – die einzige gravierende theologische Kontroverse zwischen Katholizismus und Orthodoxie. Bis heute.

Die Dreifaltigkeit macht also theologische Schwierigkeiten. Dennoch ist sie in ihrer Relationalität eine unumgängliche gedankliche Annäherung an Gott, wenn wir tatsächlich guten Gewissens Weihnachten und Pfingsten feiern wollen, im Gedenken als die Menschwerdung und Aussendung des göttlichen Wesens in den Personen Sohn und Geist. Das relationale Bild der Trinität versucht die Beziehung der göttlichen Personen untereinander (Vater und Sohn, verbunden durch den Heiligen Geist) sowie die unterschiedlichen Modi der Beziehung Gottes zum Menschen zu erfassen: Schöpfer, Erlöser, Beistand. Dabei durchdringen sich die Personen, so dass Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist eins sind und in der Einheit gleichermaßen Teil haben an Schöpung, Erlösung und Begleitung des Menschen – bis zur Vollendung. Es sind drei Personen in einem Gott, nicht drei Götter mit getrennten Aufgabenbereichen. Dennoch sind es drei verschiedene personale Formen, die uns Gott je unterschiedlich erfahren lassen.

Für dieses Gottesbild gibt es zwei deutsche Bezeichnungen, die die ganze Spannung zwischen Einheit und Verschiedenheit erkennbar machen: Dreifaltigkeit und Dreieinigkeit. Gott entäußert sich in Seiner Schöpfung, in Seinem Wort und in Seiner schöpferischen Kraft der Liebe: Dreifaltigkeit. Doch die Relation der drei göttlichen Personen zueinander führt nicht zur Eingrenzung der jeweils anderen personalen Form von Göttlichkeit. Die Personenn weisen einander nicht feste Plätze zu, schon gar nicht weisen sie sich in die Schranken partikularer Kompetenz. Gott ist in sich relational, wird damit aber nicht relativ. So sehr sind die göttlichen Personen miteinander verbunden, dass wir von Durchdringung, von Einheit sprechen können: Dreieinigkeit.

Gott ist dreifaltig einer, so heißt es in einem Kirchenlied zum Glaubensbekenntnis. Tatsächlich gehört die Trinität als Dreifaltigkeit in Dreieinigkeit zu den zentralen, unumstößlichen Glaubenswahrheiten des Christentums. Sie ist für die ganze Menschheit von größter Relevanz. Denn: Aus dem Verständnis von Gott als Relation dreier Personen, die in Verschiedenheit geeint sind und in Einheit verschieden bleiben, erwächst eine dialogische Grundhaltung, die den Menschen (das Abbild Gottes) ebenso als „Beziehungswesen“ begreift, als ein ens sociale, das auch unter den faktischen Bedingungen der Verschiedenheit den Gedanken der Einheit nie ganz verwirft. Durch eine schlichte Analogie können wir Christen von Gott selbst lernen, wie Beziehungen gelingen.

(Josef Bordat)

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