Aussage gegen Aussage

23. Mai 2016


Das Wetter ist zu schön für lange Texte. Machen wir es also kurz.

Seit es Flüchtlinge in großer Zahl gibt, gibt es Berichte über gezielte Angriffe auf diejenigen Flüchtlinge, die wegen religiöser Verfolgung aus Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung fliehen mussten; insbesondere handelt es sich dabei um Christen. Das christliche Hilfswerk Open Doors ist diesen Berichten nachgegangen und fand sie in zahlreichen Erzählungen von Betroffenen bestätigt. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) wirft Open Doors daraufhin vor, methodisch unsauber garbeitet (etwa bei der Auswahl der Stichprobe) und zudem eine präjudizierte Deutung der (unbestreitbar vorhandenen) Konflikte in Flüchtlingsheimen vorgenommen zu haben. Open Doors reagiert mit einer Replik, in der die von der FAS kritisierten Aspekte Punkt für Punkt abgehandelt werden, zum Teil derart konkret (und überprüfbar), dass man den Text der Pressemeldung wohl hypothetisch Widerlegung nennen kann.

Doch: Was stimmt nun? Welches Ausmaß hat die Fortsetzung der Christenverfolgung an anderer Stelle? Fächendeckend? Gehäuft? Ausnahmsweise? Ignoramus. Und, weil es dazu keine wissenschaftliche Untersuchung geben kann, die von allen Seiten anerkannt wird: ignorabimus. Denn es müsste ja subjektives Empfinden und Erinnern objektiviert werden. Es dürften keine Narrative, sondern es müssten Gesprächsprotokolle zugrunde gelegt werden. Es müssten Videos ausgewertet werden. Hat er bei 3:37 auf das Kreuz gespuckt? Oder daneben? Und: Hat er auf das Kreuz gezielt, als er spuckte? Und schon sind wir wieder bei der Interpretation und die einen sagen so und die andern sagen das Gegenteil. So kommt man nicht weiter.

Man könnte es sich freilich leicht machen und davon ausgehen, dass in einem Fall, in dem ein Moslem einen Christen angreift, die Religion immer eine Rolle spielt und insoweit jede Handlung dieser Art unter Christenverfolgung subsumierbar ist. Oder: Man könnte davon ausgehen, dass Religion nie eine Rolle spielt, jedenfalls so lange nicht, bis der Angreifer zu Protokoll gibt: „Motiv meines Angriffs war die Tatsache, dass P getauft ist und ich insoweit P als Christen verfolgen wollte.“ So käme man zu eindeutigen Daten.

Nein, im Ernst: Ich bin verärgert. Über dreierlei: Darüber, dass Gewalt gegen Flüchtlinge wieder einmal instrumentalisiert wird, um den ideologischen Gegner in die Defensive zu drängen, und die Opfer dabei überhaupt keine Rolle spielen. Darüber, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der man in Fragen des Ausmaßes der Verfolgung von Christen fast schon zur Übertreibung raten möchte, damit überhaupt irgendeine Reaktion erfolgt (und sei es auch die, das Problem methodenkritisch vom Grünen Tisch zu wischen). Vor allem aber über Journalisten, die methodologisch und interpretationstheoretisch die reine Wissenschaftlichkeit einfordern, zugleich jedoch meinen, es sei bereits eine unumstößliche Widerlegung der Position von X, wenn sich X einer „Pegida-Argumentationsweise“ bedient. Wenn Wahrheitswerte so einfach zuzuordnen sind, brauchen wir keine Studien. Ganz egal, wie schlecht sie sind.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: