Zur Kritik an „Nach der Empörung“

31. Mai 2016


Zunächst einmal: Danke!

Selten zuvor ist ein Artikel in den ersten 24 Stunden so oft gelesen, kommentiert und missverstanden worden wie dieser hier. Ein Artikel über Alltagsrassismus (einfach so, mit Zahlen, aber ohne Gauland und Boateng) wäre wohl nicht ganz so vehement rezipiert worden (Arbeitshypothese). Die Bewertungen des Textes gingen von „genial“ und „scharf wie eine Rasierklinge“ bis hin zu „ärgerlich“, „unnötig“, „dümmlich“, „dumm“, „unverständlich“. Und schlimmer. Allein eine Morddrohung, auf die ich insgeheim spekuliert hatte, blieb aus. Man kann nicht alles haben.

Es ist kaum möglich, auf einer Erregungswelle, wie sie dann auch irgendwie über mich einschlug, in sauberem Freistil mitzuschwimmen. Ich habe nach einigen Versuchen der Erläuterung die Strandlage bevorzugt und werde auch künftig nur in Ausnahmefällen Einzeldiskussionen führen, schlicht aus Zeitgründen. Auf einige der häufig genannten Punkte möchte ich aber doch eingehen.

1. Ein Teil der Kritik an meinem Text ging in die Richtung, ich wolle den Menschen verbieten, sich zu empören. Nein, nein, empört euch ruhig! Der Text trägt den Titel „Nach der Empörung“, nicht: „Statt der Empörung“. Damit wollte ich andeuten, dass Empörung nicht alles sein kann.

Ich lade dazu ein, auch mal darüber nachzudenken, wann und worüber wir uns eigentlich empören (sollten). Über Rassismus? Sicher! Über Menschen, die Rassismus schüren? Auch! Über Menschen, die Mutmaßungen darüber anstellen, wie rassistisch unsere Gesellschaft ist? Die Antwort scheint: „Kommt darauf an!“ Zum Beispiel darauf, was man diesem Menschen an Grundhaltung unterstellen zu können glaubt. Das ist aber immer eine sehr unbefriedigende Antwort, weil sie die (fehlende) Autorität einer Person in einer Sache zum Argument erhebt. Das ist quasi „mittelalterlich“. Scholastikfreunde ahnen, was ich meine.

2. Ich habe ferner den Eindruck – und darauf zielt meine Kritik an der Empörungswelle in der Hauptsache-, dass es Menschen gibt, die meinen, Empörung sei als Ersatzhandlung bereits die Lösung des Problems. „Ich habe mich doch schon bei Twitter empört, was soll ich denn sonst noch tun?! Auf Facebook auch noch, oder was?!“ Und es ändert sich im real existierenden Deutschland ganz genau – nichts.

Ich will Gauland nicht in Schutz nehmen, darum geht es mir nicht. Mir geht es darum, das Problem zu trennen von dem, der es (nolens volens!) treffend benennt. Und mir wäre es lieber, wir würden gegen Alltagsrassismus vorgehen als gegen Alexander Gauland, in der Meinung, damit hätten wir dann das Problem Fremdenfeindlichkeit gewissermaßen mitgelöst.

3. Basierend auf Daten aus 2008 (damals gab es die AfD noch nicht, Gauland war CDU-Mitglied und Boateng beim Hamburger SV) gilt folgendes: Wenn in Deutschland eine dunkelhäutige Person in ein Mietshaus mit 20 Bewohnern zieht, muss sie – statistisch gesehen – damit rechnen, dass einer der Bewohner sie ablehnt, und zwar nur deshalb, weil sie dunkelhäutig ist.

Das ist der eigentliche Skandal. Aber daran haben wir uns wohl schon so sehr gewöhnt, dass es „einen Gauland“ und „einen Boateng“ braucht, um mal wieder drei Tage darüber zu reden. Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Wollen wir daran etwas ändern oder reicht ein „Like“ für Boateng? Oder ein Hass-Tweet gegen Gauland? Oder muss es am Ende gar beides sein, um sich sozialkonform abzusichern, was ingesamt zwei Klicks mehr bedeutet?

Durch Alexander Gauland wird niemand zum Rassismus verführt. Aber durch die enggeführte Diskussion um seine Aussage und die Zuspitzung auf „den Boateng“ werden viele zu sehr, sehr preiswertem „Anti-Rassismus“ verführt, der die Bereitschaft zu konkretem Handeln (ich meine: außerhalb des Internet) eher senkt als hebt. Auch eine Arbeitshypothese.

(Josef Bordat)

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