Wirtschaftswissenschaftsmacht Vatikan

4. Juni 2016


Kirche und Geld, Geld und Kirche – das Thema ist quasi ein Selbstläufer. Insofern wundert es nicht, wenn Bücher zum Topos wie Pilze aus dem Boden schießen. Wer „Macht“, „Reichtum“ und „Papst“ in einen Zusammenhang bringt, die branchenübliche Enthüllungsaura ausstrahlen lässt während die ewggleichen Thesen entfaltet werden und dann das Ganze mit einem moralinsauren Titel garniert, hat die Erstauflage bereits verkauft, ehe sie gedruckt ist. Der Frage nachzugehen, wieviel Geld die Kirche hat, ist gewissermaßen eine risikoarme Option, als kirchenkritischer Journalist richtig viel Geld zu verdienen.

Es wäre ein Fehler, das Buch Der ditte Weg der Päpste. Die Wirtschaftsideen des Vatikans vorschnell in diese Phalanx einzureihen – trotz des etwas reißerischen Titelbilds, das einen Petersdom in der Dämmerung zeigt, um den wild die Blitze zucken. Denn: Mit den Ökonomen Hans Frambach und Daniel Eissrich werfen ausgewiesene Fachleute einen Blick auf die Kirche als ökonomische und Ökonomie analysierende Institution. Das ist allemal spannender als wenn wirtschaftswissenschaftlich unbedarfte Kirchenkritiker dies tun, wie sonst üblich.

So bleiben allenfalls einige allzu weltliche Zuspitzungen erhalten. Das immanente luhmannsche Systemdenken und die zitierten „Verflechtungen mit der Wirtschaft“ werden zu einseitig mit dem Wunsch nach Reichtum und Vermögensaufbau in Verbindung gebracht und die ökonomische Dimension der Kirche damit strukturell isoliert. Die Rede vom „Konzern Kirche“ scheint so unproblematisch, dass auch seriöse Autoren sie kritiklos rezitieren.

In der Darlegung der Geschichte der kirchlichen Sozialverkündigung hat das Buch seine unverkennbare Stärke. Die einschlägigen Enzykliken werden in ihren Grundzügen vorgestellt, wichtige Zitate optisch hervorgehoben und die Päpste, die für sie veratwortlich zeichnen, in Informationskästen vorgestellt, ebenso wie die für das Verständnis zentralen Begriffe, die unter dem Label „Wissen“ definiert und ebenso kurz wie anschaulich erläutert werden. Damit wird das Buch zu einem Nachschlagewerk in Sachen katholischer Soziallehre – aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht. Das ist hoch interessant und füllt eine Lücke in der langen und breiten Rezeptionsgeschichte der kirchlichen Sozialverkündigung.

Etwas zu kurz kommt dabei die Tatsache, dass die Soziallehre der Kirche ursprünglich keine theoretisch entwickelte Idee des Vatikan war, sondern in der praktischen Arbeiterpastoral grundgelegt wurde. Lange vor Rerum Novarum (1891) war es Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler, der einen „dritten Weg“ skizzierte. Zwar nennen die Verfasser dessen Hauptwerk (Die Arbeiterfrage und das Christentum, 1864), das Mainzer Manifest (1848) bleibt jedoch unerwähnt. Insoweit ist der dritte Weg einer der ganzen Kirche, auch wenn die Päpste ihn mit ihren Verlautbarungen gepflastert haben. Schließlich ist die Perspektive der Verfasser eine eurozentrische: die Theologie der Befreiung, die in Lateinamerika entstand und deren Varianten auch in Asien und Afrika wirksam wurden, spielt in der Darstellung keine Rolle, obgleich sie ebenfalls als Beitrag zur Lösung der sozialen Frage angesehen werden kann, und zwar unter den gesellschaftlichen Umständen, unter denen heute die meisten Menschen leben.

Besonders wertvoll ist jedoch die Beleuchtung des weltwirtschaftlichen Hintergrunds bei der Entstehung der jeweiligen Lehrschreiben. Während theologisch geprägte Deutungen die Enzykliken üblicherweise in die allgemeine kirchengeschichtliche Entwicklung einzubetten versuchen oder auch die Theologie und Spiritualität des jeweiligen Papstes in den Vordergrund stellen, zeigen Frambach und Eissrich anhand harter Daten und Fakten, wie gut die Lehrschreiben in den jeweiligen ökonomischen und politischen Kontext der Zeit passen. Die Päpste reagieren direkt und detailliert auf die globale Großwetterlage. Sie gehen also mit der Zeit und ihre Verlautbarungen sind damit auch ein wichtiger Aspekt der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung und wirken zurück auf die wirtschaftswissenschaftliche Theoriebildung der jeweiligen Epoche. Insoweit stimmt die Rede von den „Wirtschaftsideen des Vatikan“.

Das Buch Der ditte Weg der Päpste. Die Wirtschaftsideen des Vatikans ist als Einführung in Wesen und Wollen der katholischen Soziallehre gut geeignet, gerade wegen der Fachkompentenz der Autoren und der nah an den Ereignissen in Wirtschaft und Politik orientierten Darstellung. Lesbar ist es für Katholiken ebenso wie für kirchenferne Menschen, die erfahren können, dass die vielbeschworene „Macht des Vatikan“ eigentlich nur im Einfluss des Papstes liegt, Diskurse zu begleiten und auch mal zu befeuern. Wie Papst Franziskus mit Laudato Sí (2015): die Einigung der Weltgemeinschaft in Sachen Klimaschutz auf der Pariser Konferenz ist nicht zuletzt Franziskus zu verdanken.

Hans Frambach und Daniel Eissrich hingegen ist es zu verdanken, nunmehr ein handliches, übersichtliches und informatives Begleitbuch zur Geschichte der Katholischen Soziallehre vorliegen zu haben – jenseits kirchenkritischer Polemik, aber auch jenseits innerkirchlicher Debatten um die Ausrichtung auf Struktur oder Spiritualität. Die Autoren bleiben davon unbeeindruckt und somit hart an der Sache, deren Darlegung und Diskussion die Kompetenz und Distanz eines Mikroökonomieprofessors und eines Bundesbankdirektors gut tun.

Bibliographische Angaben:

Hans Frambach / Daniel Eissrich: Der dritte Weg der Päpste. Die Wirtschaftsideen des Vatikans.
Konstanz / München: UVK Verlagsgesellschaft 2016.
283 Seiten, € 19,99.
ISBN 978-3-86764-600-0.

(Josef Bordat)

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