Der Mann mit dem Urteil: Jean-Marc Bosman

7. Juni 2016


11 Fußballer, die man kennen sollte, auch, wenn man sich eigentlich mehr für Byzantinistik, die Poincaré-Vermutung und Origami interessiert – Teil 3 der Serie zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich

Rein sportlich ist Jean-Marc Bosman Niemand, über den es sich lange zu reden lohnte. Oder zu schreiben. Bosman spielte als Profi in Belgien und Frankreich, trat international nicht in Erscheinung.

Alles – oder: fast alles – änderte sich, als er 1990 von Lüttich nach Dunkerque wechseln wollte und sein Arbeitgeber dafür eine Ablösesumme festsetzte (bescheidene 600.000 Euro), die aber der französische Zweitligist dennoch nicht zahlen wollte. Daraufhin verweigerte der RFC Lüttich die Freigabe. Bosman klagte. Fünf Jahre lang. Bis zum Europäischen Gerichtshof.

Mit Hilfe des Juristen Roger Dillemans, ehemaliger Rektor der katholischen Universität von Löwen, gelang es ihm schließlich, eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu erwirken, das so genannte Bosman-Urteil. Es bestätigte den Profi darin, ablösefrei wechseln zu dürfen und stellte darüber hinaus für das gesamte Transfergeschäft im Vereinsfußball die Weichen neu: Nach Ablauf eines Vertrages sind Ablösesummen unzulässig, das bedeutet: ein Spieler ohne Vertragsbindung darf ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln. Alles andere laufe der Freizügigkeit, die Arbeitnehmer innerhalb der EU genießen, zuwider, so der Europäische Gerichtshof in seiner Entscheidung von 1995. Und als genau das müsse man Fußballprofis sehen: als Arbeitnehmer.

Für den Fußball eine Revolution, die Spielergehälter explodieren ließ und langfristige Bindungen mit absurden Ausstiegsklauseln in die Verträge brachte. Bald darauf kamen jedoch Investoren ins Geschäft, die tatsächlich bereit waren, diese Vertragsstrafen, die neue Form der Ablöse, zu zahlen. Wer auf Nummer sicher gehen will, setzt mittlerweile bei den Top-Stars Beträge von mehreren 100 Millionen Euro fest für den Fall, dass jemand die Lieblinge des Vereins aus dem laufenden Vertrag heraus verpflichten wollte. Zugleich werden jene Top-Stars mit zweistelligen Millioneneinkommen ruhiggestellt. Auf Wunsch auch netto.

Auch für Jean-Marc Bosman hat sich die Hartnäckigkeit gelohnt: Nach dem  Prozess bekam er rund 780.000 Euro Entschädigung für den geplatzten Wechsel nach Frankreich, durch den seine Karriere ehedem vorzeitig endete. Nicht schlecht für einen Durchschnittsprofi der 1990er, der zuletzt nur einige tausend Euro im Monat verdiente. Außerdem ist Bosman seitdem in aller Munde: Als Namensgeber eines der wichtigsten Rechtssprüche im Berufssport.

(Josef Bordat)

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