Der erste Legionär: Arthur Wharton

15. Juni 2016


11 Fußballer, die man kennen sollte, auch, wenn man sich eigentlich mehr für Byzantinistik, die Poincaré-Vermutung und Origami interessiert – Teil 4 der Serie zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich

Der Sport in den deutschen, französischen, belgischen und englischen Kolonien Afrikas hat sowohl bei der ideologischen Stützung imperialer Interessen als auch bei der Vorbereitung und Begleitung konkreter kolonialadministrativer Maßnahmen eine bedeutende Rolle gespielt. Die Vermittlung von „westlichen“ Werten und Lebensformen fand im Sport besonderen Ausdruck. Die entstehenden Vereine übernahmen rasch eine gesellschaftliche Führungsrolle, sorgten einerseits für Integration, andererseits für vertiefte Rassentrennung, abhängig von der jeweiligen Sportart. Während sich die Weißen aus der Oberschicht der Kolonialverwaltung Mannschaftsspielen wie Rugby oder Cricket widmeten bzw. Individualsportarten wie Tennis oder Leichtathletik betrieben, war der Fußball der Sport des „kleinen“, in der Kolonialgesellschaft: schwarzen Mannes.

Das erste Fußballspiel auf afrikanischem Boden fand am 26. November 1866 in Natal (Südafrika) statt. Es spielten Einheimische gegen Offiziere der englischen Garnison; das Ergebnis ist unbekannt. Der erste Fußballverein wurde 1879 in Pietermaritzburg gegündet („Pietermaritzburg-Country“). Bald darauf folgten weitere Vereinsgründungen („Natal-Wasps“, „Durban-Alpha“, etc.), so dass im Jahre 1892 die Gründung der „Football-Association of South Africa“ möglich war. 1897 war als erste ausländische Mannschaft das Londoner Team der „Corinthians“ zu Gast und 1906 tourte eine südafrikanische Mannschaft auf Einladung des argentinischen Verbandes durch Südamerika – mit Erfolg: 11 von 12 Partien wurden gewonnen.

Das große Talent vieler Schwarzer für das Fußballspiel war eine echte Entdeckung. Einige Spieler versuchten gar, als Profis in England ihr Glück. Bereits 1889 bekam der erste Afrikaner in England einen Profivertrag: Arthur Wharton. Doch „Othello“, wie der Profi nach literarischem Vorbild genannt wurde, hatte trotz seines sportlichen Talents wenig Glück auf der Insel. Er galt als Kuriosität, diente der Belustigung der Zuschauer, starb schließlich verarmt und wurde schnell vergessen. Und auch wenn die Zeit der „Exoten“ im europäischen Fußball vorbei ist und heute fast jede Profimannschaft Europas Schwarzafrikaner oder deren Nachfahren in den eigene Reihen hat, knüpft die aktuelle Situation im Kontext des dubiosen Geschäfts der Spielervermittlung ziemlich nahtlos an den Kolonialismus an. Freilich wurden die „Scouting“-Methoden professionalisiert, doch das Streben nach dem Profiglück treibt auch heute viele junge Afrikaner in die Hände fragwürdiger Gestalten, mit dem Ergebnis, dass viele von ihnen so enden wie Arthur Wharton.

(Josef Bordat)

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