Kein Spieler aus Kunststoff: Horst Szymaniak

17. Juni 2016


11 Fußballer, die man kennen sollte, auch, wenn man sich eigentlich mehr für Byzantinistik, die Poincaré-Vermutung und Origami interessiert – Teil 5 der Serie zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich

Lange vor dem ersten Tatort aus Duisburg (1981) hatte das Ruhrgebiet seinen „Schimmi“. Mit Vornamen hieß er ebenfalls Horst, wie der von Götz George verkörperte Kriminalkommissar Horst Schimanski. Ich meine Horst Szymaniak, dessen regionale (und später auch nationale) Beliebtheit die Macher des Duisburger Tatorts inspirierte, den Helden des Kriminalspiels ganz ähnlich zu nennen.

Und tatsächlich haben Horst Szymaniak und Horst Schimanski einiges gemein: Eine klare, oft derbe Sprache, die Attitüde des ehrlichen Malochers, die große Sympathie für die Belange des „kleinen Mannes“, das ungehobelte Aus-dem-Rahmen-Fallen, die gesunde Skepsis gegenüber Macht und Schicki-Micki.

Der 1934 geborene Szymaniak spielte anderthalb Jahrzehnte in verschiedenen europäischen Ligen und den USA, absolvierte 43 Länderspiele, darunter zehn bei den Weltmeisterschaften 1958 und 1962, und holte doch nur einen einzigen Titel (und auch den nur als Reservist): den Europapokal der Landesmeister (1964 mit Inter Mailand). Dennoch gewann er mit seinem unkonventionellen Instinkfußball die Herzen der Fans.

Und mit seiner unbeugsamen Bergarbeiterhaltung. Als er 1958 vor dem WM-Halbfinale gegen den Gastgeber Schweden bei der Begrüßung der deutschen Mannschaft durch König Gustav VI. Adolf den Blick nicht demütig senkte, sondern dem Monarchen beim Handschlag fest in die Augen sah und sich dafür später rechtfertigen musste, zitierte er eine alte Bergmannsregel: „Kein Kniefall, auch nicht vor gekrönten Häuptern“. Ins „All-Star-Team“ der Weltmeisterschaft, die Titelverteidiger Deutschland als Vierter beendete, kam Szymaniak trotzdem – als einziger Deutscher.

Überhaupt: Szymaniaks flotte Sprüche. Zu Franz Beckenbauer, mit dem er bei der Nationalmannschaft sein Zimmer teilte, soll er gesagt haben: „Wir sind die letzten Helden des 20. Jahrhunderts; nach uns kommen nur noch Spieler aus Kunststoff“. Auf seinen manchmal übermäßigen Alkoholkonsum angesprochen, meinte „Schimmi“ lapidar: „Ein Pilsken gibt einen flachen Schuß“.

Horst Szymaniak, der „aufrechte Kerl“ (Uwe Seeler) einer deutschen Fußballergeneration, der ein ganz großer Wurf verwehrt blieb, starb 2009 – wegen seiner großzügigen Art und ungeschickter Geschäftsabschlüsse ziemlich verarmt. Vom Deutschen Fußball-Bund wurde er lange Zeit ignoriert und geriet so im offiziellen Fußballdeutschland weitgehend in Vergessenheit. Vielleicht, weil dort inzwischen zu viele Menschen aus Kunstsoff tätig waren.

(Josef Bordat)

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