Rio ohne Russen

17. Juni 2016


Die Leichtathletikwettbewerbe bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro werden ohne russische Sportlerinnen und Sportler stattfinden. Das hat der zuständige Weltfachverband IAAF entschieden. Der Grund: Flächendeckendes, systematisches Doping im russischen Verband.

Was ist daran so schlimm? Moralisch bedenklich am Doping sind die Absicht (Betrug), die Wirkung (Wettbewerbsverzerrung) und die Nebenwirkung (Selbstschädigung) – vom falschen Vorbild, das Spitzensportler Kindern und Jugendlichen geben, ganz zu schweigen. Zusätzlich tritt noch ein besonders pikanter Effekt auf: die hinter dem Doping stehende Fehlallokation von Heil- und Hilfsmitteln in einem ohnehin klammen Gesundheitswesen. Da werden Medikamente und Methoden, die für Schwerstkranke gedacht sind, missbraucht, indem sie Gesunden verabreicht werden. Man nimmt etwas, das anderen Menschen das Weiterleben ermöglicht, um noch höher zu springen, schneller zu laufen und weiter zu fliegen. Pervers. Dennoch sollte man es sich in der Bewertung dieser Entscheidung nicht ganz so einfach machen.

Einerseits ist diese Entscheidung richtig, wenn man ernsthaft gegen Doping vorgehen will. Denn dann braucht es eine Autorität, die weltweit anerkannt wird. Wenn einzelne Verbände der Weltdopingagentur WADA auf der Nase herumtanzen, dann muss man handeln, auch, wenn es weh tut. Und Olympia ohne Russlands Leichtathleten tut weh. Langfristig kann es aber zu einem dopingfreien Sport keine sinnvolle Alternative geben. Also: Richtige Entscheidung.

Andererseits ist diese Entscheidung falsch, weil sie eine kollektive Wirkung hat. Alle russischen Athleten werden ausgeschlossen, auch die die möglicherweise sauber sind. Unser Rechtsempfinden sträubt sich gegen Bestrafung von Menschen, allein, weil sie in einem bestimmten Kontext leben. Es gibt zunächst nur individuelle Schuld. Sippenhaft ist nicht unser Ding. Also: Falsche Entscheidung.

Jetzt hat die IAAF aber eine recht kluge Zusatzentscheidung getroffen: Für Athleten, die nicht im Bereich des russischen Dopingkontrollsystems trainieren, also im Bereich dessen, was korrupt, betrügerisch, ineffizient und unsportlich ist, sondern etwa im Ausland, wird es eine individuelle Starterlaubnis geben. Solche Sportler starten dann unter der olympischen Flagge.

Diese Ausnahmeregelung ist wichtig und lässt mich insgesamt glauben, dass die Entscheidung am Ende des Tages doch eines ist: richtig.

(Josef Bordat)

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