Ein Leben lang Buhmann: Paulo Moacyr Barbosa Nascimento

18. Juni 2016


11 Fußballer, die man kennen sollte, auch, wenn man sich eigentlich mehr für Byzantinistik, die Poincaré-Vermutung und Origami interessiert – Teil 6 der Serie zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich

So wie ein einziger Schuss einen Spieler für immer zum Volkshelden machen kann, so kann ein einziger Schuss des Gegners einen Spieler für immer zum Buhmann stempeln, wenn er denn Torwart ist und jenen Schuss nicht parieren kann. So wie Paulo Moacyr Barbosa Nascimento.

Der Schuss kommt am 16. Juli 1950 auf sein Tor, kurz vor dem Abpfiff. Es ist das 2:1, der Siegtreffer für den Gegner. Und es ist nicht irgend ein Spiel, sondern eines der größten Spiele aller Zeiten, das letzte und entscheidende Spiel der Finalrunde bei der Weltmeisterschaft 1950 im (alten) Maracanã-Stadion vor 173.850 Zuschauern – die meisten in der WM-Geschichte. Gastgeber Brasilien gegen Uruguay. Uruguay gewinnt, wird zum zweiten Mal Weltmeister. Brasilien muss noch acht Jahre auf den ersten Titel warten.

Es war eine nationale Tragödie, ähnlich vielleicht wie das 1:7 im Halbfinale 2014 gegen Deutschland, den späteren Weltmeister. Aber eigentlich noch schlimmer, denn damals hatte Brasilien noch keine WM gewonnen, heute immerhin schon fünf an der Zahl. Egal, was passiert, mal bleibt die Nummer eins der Welt, das war die Ausgangslage 2014. Im Jahre 1950 war die Sehnsucht nach dem ersten Titel indes groß.

Trotz der insgesamt zehn Gegentore in Halbfinale und Spiel um Platz 3 (das 0:3 gegen die Niederlande verloren ging) bei der Heim-WM 2014, können sich Abwehr und Torwart der aktuellen Generation überall sehen lassen. Anders Barbosa. Ihm hat man das eine Tor nie verziehen, das sicherlich nicht unhaltbar war. Er stirbt im Jahre 2000 – mit seinen Landsleuten unversöhnt.

Kurz vor seinem Tod sagte er in einem Interview: „In Brasilien sieht das Gesetz 30 Jahre Haft für einen Mord vor. Es ist weit mehr als diese Zeit seit dem Finale von 1950 vergangen, und ich fühle mich noch immer eingekerkert, die Menschen sehen in mir immer noch den Schuldigen für unsere Niederlage“.

Wer ein solch schweres Schicksal zu tragen hat, wird für die Kunst interessant. Es gibt einen Kurzfilm der brasilianischen Regisseure Ana Luiza Azevedo und Jorge Furtado aus dem Jahre 1988 über den Unglückskeeper, der auch in dem Roman Brasyl von Ian McDonald (2007) eine tragende Rolle spielt. Barbosas tragische Lebensgeschichte ist auch Thema des Romans Die letzte Parade von Moacyr Barbosa von Darwin Pastorin (2005). Später Ruhm für den Verachteten.

(Josef Bordat)

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