Der Mann mit der eigenen Kirche: Diego Armando Maradona

25. Juni 2016


11 Fußballer, die man kennen sollte, auch, wenn man sich eigentlich mehr für Byzantinistik, die Poincaré-Vermutung und Origami interessiert – Teil 8 der Serie zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich

„Diego Armando Maradona“, so schrieb 1993 Hans Blickensdörfer, „ist, wenn wir’s genau nehmen, sowohl ein Vergötterter als auch ein Verdammter des Spiels.“ So genau sollten wir es nehmen, wenn wir uns dem Mann annähern wollen, der eine ganze Mannschaft ersetzt, gemessen an seinen Erfolgen, aber vor allem an seinen Skandalen und Eskapaden.

Maradonas Leben ist die tragische Geschichte eines Menschen, der auf der Suche nach sich selbst immer wieder neue Wege entdeckt, nicht immer die besten. So, wie das bei jedem anderen Menschen auch der Fall ist. Nur, dass die Suche Maradonas in den Medien stattfindet. Daran ist Maradona selbst nicht ganz unschuldig, denn er suchte nicht nur seine Identität, sondern immer auch die laufende Kamera. Er inszenierte sich als Argentiniens Idol, hatte seine eigene Show – La noche del Diez, „Die Nacht der Zehn“, in Anspielung auf seine Rückennummer, die mit ihm zur Legende wurde. In der argentinischen Nationalmannschaft wird sie nur noch ungern vergeben, und dann allenfalls an legitime Nachfolger wie Lionel Messi; bei Maradonas Club Boca Juniors gar nicht mehr.

Der Mann mit dem Namen eines Modedesigners spielte jahrelang Doppelpass mit dem Schicksal. Junge Argentinier kennen den Spieler und Trainer Maradona nicht aus dem Sportteil, sondern aus „Vermischtes“. Weil eine detaillierte Darstellung Hochschulabschlüsse in Jura, Psychologie und Lateinamerikanistik verlangte, die ich allesamt nicht vorweisen kann, bleibe ich bei den sportlichen Höhepunkten: 1977 wird Maradona mit 16 Jahren Nationalspieler. Nicht auf den Seychellen, sondern in Argentinien, dem Land, das im Jahr darauf Weltmeister werden sollte – ohne den Jungstar. 1982 zeigt sich Maradona noch ziemlich überfordert, wird im Spiel gegen den Erzrivalen Brasilien vom Platz gestellt. Vier Jahre später ist er dann auf dem Zenit seiner sportlichen Karriere angelangt und wird in Mexiko – mit Gottes Hilfe – Weltmeister und infolgedessen mit Ehrungen überhäuft – die wohl bedeutendste: „Weltsportler des Jahres“. 1990 erreicht er immerhin noch einmal ein WM-Endspiel, kann aber keine Akzente mehr setzen. Er verabschiedet sich tränenreich aus Rom, um kurz darauf in die Droge abzustürzen. 1994 nimmt er zum vierten Mal an einer Weltmeisterschaft teil, wird aber nach dem zweiten Spiel wegen Dopings vom Turnier ausgeschlossen. In seinem Heimatverein Boca Juniors findet er schließlich noch einmal die Geborgenheit, die er in seiner Sucht sucht. An seinem 37. Geburtstag beendet Maradona 1997 seine Karriere als Fußballprofi.

Nach der aktiven Zeit tut Maradona das, was Fußballstars nach ihrer aktiven Zeit tun: in der Zeitung Kolumnen schreiben, im Fernsehen das Geschehen auf dem Rasen kommentieren. Den Menschen daheim gefiel, wenn er in seiner Sendung über die seit Anfang der 1990er Jahre viel erfolgreicheren Brasilianer herzog, über Romario, Ronaldo und Ronaldinho lästerte. Für viele Argentinier ist „El Diego“ ein Heiliger, für einige sogar mehr. Seine Kirche, die „Iglesia Maradoniana“, deren etwa 40.000 Anhänger an Maradonas Geburtstag „Weihnachten“ feiern, ist zwar im Wesentlichen eine Parodie auf den Medien-Hype um Maradona, doch so ganz aus der Luft gegriffen ist das Phänomen der devoten Verehrung nicht: In Maradona berühren sich die Sphären des südamerikanischen Selbstverständnisses – tiefe Religiosität, fanatische Fußballbegeisterung und ein ausgeprägter Nationalstolz.

Die Verehrung seiner Landsleute tut Maradona in dieser Zeit nicht wirklich gut, weil sie ihm zu verstehen gibt, dass es mit ihm so, wie es ist, gut ist. War es aber nicht. Maradona war ein schwerkranker Mann im Wechselbad von Manie und Depression. Zwischen seinen exzentrischen Auftritten geht er einen Leidensweg: Entzug, Rückfall, Entzug, Rückfall. Maradonas Leben ist ein einziges Schicksalsspiel. 2004 merkten selbst die größten Fans, dass etwas mit ihrem Idol nicht stimmt. Maradona wird mit Herzproblemen in eine Klinik eingeliefert, ringt tagelang mit dem Tod. Er scheint sich danach gefangen zu haben. Irgendwie.

2006 ist ein gutes Jahr für Maradona. Der Film „Maradona – La mano de Dios“ kommt in die Kinos und bei der WM in Deutschland mimt er an der Seite seiner Tochter den lustigen Schlachtenbummler und präsentiert sich bei abnehmendem Gewicht zunehmend fit. Der argentinische Patient offenbarte ganz ungewohnte Reife, indem er eingestand, dass er drogensüchtig war, ist und immer bleiben wird. Der Fußball, so Maradona, sei für ihn so etwas wie eine Dauertherapie.

2008 erhält er zum Geburtstag einen neuen Therapieplatz: die Trainerbank der argentinischen Nationalmannschaft. Im Ansehen der Argentinier steht dieses Amt knapp unter dem des Papstes und weit über dem des Staatspräsidenten. Und die Skepsis war etwa so groß wie der Erwartungsdruck: Drei Viertel der Teilnehmer einer Online-Befragung der argentinischen Zeitung „Clarín“ war „nicht zufrieden“ mit der Wahl des Verbandes. Immerhin schaffte Maradona mit der Albiceleste die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010, was zum Zeitpunkt der Amtsübernahme alles andere als sicher war. Doch nach der verheerenden 0:4 Niederlage im WM-Viertelfinale gegen Deutschland und massiver Kritik an seinem Führungsstil wurde Maradona am 27. Juli 2010 entlassen.

Es folgten einige Kurzeinsätze als Vereinstrainer, unter anderem in Dubai beim dortigen Spitzenclub Al-Wasl. Dort war er bis 2012 tätig. In den letzten Jahren ist es etwas ruhiger geworden um Diego Armando Maradona. Keine schlechte Nachricht.

(Josef Bordat)

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