Mensch, Messi!

27. Juni 2016


Im Alten Rom stand beim triumphalen Einmarsch der Truppen samt erbeuteten Sklaven und anderen Wertgegenständen immer ein Mann hinter dem siegreichen Feldherrn, der diesem permanten ins Ohr flüsterte: Respice post te, hominem te esse memento. Zu deutsch: „Sieh dich um; denk daran, dass auch du nur ein Mensch bist.“ Offenbar war das nötig, in einer Gesellschaft, in der das Staatsoberhaupt als Gott verehrt wurde.

Lionel Messi, seit einem Jahrzehnt der mit Abstand beste Fußballer der Welt, hat eine solche Mahnung nicht nötig. Unter den großen Stars auf diesem Planeten ist er nach meiner Einschätzung einer der demütigsten und bodenständigsten. Nach jedem Tor bekreuzigt er sich und deutet zum Himmel. Dort, im Himmel, ist nämlich seine Oma, die einst den Jugendtrainer ihres Enkels überredete, den schmächtigen Dribbler in die Mannschaft aufzunehmen. Heute ist Messi nur noch körperlich ein Kleiner.

Dennoch erfährt auch Messi seit Jahren die Memento-Einflüsterung. Immer, wenn er das Trikot der argentinischen Nationalmannschaft überstreift. Dann verlässt den Besten nämlich die schier übermenschliche Spielfreude, die ihn beim FC Barcelona zur absoluten Kultfigur gemacht hat. Und der Erfolg: Während Messi mit seinem Verein von Titel zu Titel eilt und gerade in entscheidenden Spielen oft noch einmal über sich hinauswächst, scheint er mit der Albiceleste wie gelähmt. Drei Endspiele verlor er in den letzten drei Jahren.

Das letzte gestern Abend. Wieder im Copa América-Finale, wieder gegen Chile, wieder im Elfmeterschießen. Wieder verloren. Wie vor zwölf Monaten. Diesmal mit verwegenem Vollbart. Doch das war auch schon der einzige Unterschied. Ansonsten blieb Messi erneut weit hinter den Erwartungen zurück, zog allenfalls Fouls auf sich und sorgte so für gelbe Karten, doch Torabschlüsse oder echte Chancen blieben Mangelware.

Dass Messi nun, wenige Stunden nach der erneuten Finalniederlage gegen den westlichen Rivalen, seinen Rücktritt aus der argentinischen Nationalmannschaft erklärte, ist sehr bedauerlich. Nicht nur für Argentinien, sondern für den Fußball insgesamt. Mit seinen 29 Jahren ist Messi gerade im besten Fußballeralter und hätte mindestens noch die WM 2018 in Russland und die Copa América 2019 in Brasilien spielen können.

Vielleicht überlegt er es sich ja noch einmal und kehrt zurück. So eine Meinungsänderung ist ja doch am Ende nur eines: menschlich. Und dass er, Messi, ein Mensch ist, beweist er ständig. Nicht nur, aber auch im Elfmeterschießen. Und das meine ich ganz ohne Häme. Ansonsten wird er als Unvollendeter in Erinnerung bleiben, wie andere große Stars des Rasenballsports, wie Alfredo Di Stefano, wie Johan Cruyff oder auch wie Michael Ballack. Wie überhaupt viele Menschen. Ist ja auch eigentlich ganz normal: unvollendet bleiben, auf Erden. So als Mensch.

(Josef Bordat)

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