Das Gefühl, im Abseits zu stehen: Andreas Biermann

30. Juni 2016


11 Fußballer, die man kennen sollte, auch, wenn man sich eigentlich mehr für Byzantinistik, die Poincaré-Vermutung und Origami interessiert – Teil 9 der Serie zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich

Berufsfußballer sind moderne Helden, die von ihren Vereinen gut bezahlt und von den Fans gebührend gefeiert werden. Sie führen ein erfülltes Leben jenseits finanzieller Sorgen und inmitten eines wohlgesonnenen sozialen Umfelds. Sie reisen durch die Welt, lernen viele Länder und noch mehr Menschen kennen. Für ihre Tätigkeit interessieren sich Millionen. Was will man mehr?

Dass es unter den jungen Strahlemännern auch solche gibt, die depressiv sind, scheint eigentlich undenkbar. Das Thema Depression als Krankheit, an der auch Fußballprofis leiden können, kam mit Sebastian Deisler in die Öffentlichkeit. Deisler gilt Anfang des dritten Milleniums als eines der größten Talente im deutschen Fußball. Der FC Bayern nimmt ihn unter Vertrag. Deisler spielt für die Nationalmannschaft. Er ist Anfang 20. Eine Bilderbuchkarriere scheint vorgezeichnet.

Doch immer öfter kommt es zu Auszeiten, die weder Verletzungen noch Formschwächen geschuldet sind. Sondern seiner Depression, einer tückischen Krankheit, gegen die kein Eisspray, keine Spritze und keine OP bei Müller-Wohlfahrt helfen. Für eine langfristige Therapie ist im schnelllebigen Fußballgeschäft keine Zeit. Deisler beendet seine Karriere – mit 26. Seine Erfahrungen schreibt Michael Rosentritt in der lesenswerten Biographie „Zurück ins Leben – Die Geschichte eines Fußballspielers“ nieder.

Besonders hart traf die Fans die Nachricht vom Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke im November 2009. Keiner hatte geahnt, wie tief die Abgründe seiner Seele wirklich waren, er selbst ließ sich nichts anmerken.

In „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ schildert Peter Handke das Schicksal des aus seinen Lebensbezügen herausgerissenen Fußballtorwarts Josef Bloch. Handke bedient sich der Torwartallegorik, um dem rastlos umherreisenden Protagonisten die Erkenntnis zu ermöglichen, dass nicht in der Bewegung, sondern in der Ruhe die Kraft liegt: Der Torwart, der stehen bleibt, fängt den Ball.

Fußballtorwart Robert Enke hat sich bewegt, hat sich bewegen lassen, war beunruhigt, hatte Depressionen, litt unter Versagensängsten. Und hat davon geschwiegen. Der Öffentlichkeit wurde das Seelenleben Enkes erst durch seinen Suizid heute vor einem Jahr bekannt. Größer als die Angst vor dem Versagen war nur die Angst, dass jemand sie bemerken könnte. Als Nationalspieler in einer WM-Saison ist man nicht depressiv und ängstlich. Basta.

Ein besonders tragischer Fall ist der des Berliners Andreas Biermann, einige Jahre für den FC St. Pauli in der 2. Bundesliga als Profi aktiv, sonst bei Vereinen in den oberen Amateurligen. Anders als Enke spricht Biermann offen von der Krankheit, anders als Deisler kann er sie nicht besiegen. Am 18. Juli 2014 – Deutschland war soeben Fußballweltmeister geworden – tötet sich Andreas Biermann selbst.

Andreas Biermann hatte zuvor in einem offenen Umgang mit der Krankheit ihre Überwindung gesucht. Biermann schreibt ein Buch, zusammen mit dem Journalisten Rainer Schäfer, Titel: „Rote Karte Depression“. Der ist durchaus doppeldeutig: Depression gehört die Rote Karte gezeigt und: Depressionen sind im Fußball schlecht angesehen. Biermanns Erfahrungen mit seinem öffentlichen Bekenntnis zur tückischen Krankheit sind alles andere als positiv gewesen. 2010 sagt Biermann in einem Interview, er rate betroffenen Fußballprofis von einem Outing ab.

Depression. Die Krankheit trifft viele. Warum sollte sie nicht auch Fußballer treffen? Versagensangst. Auch sie trifft viele. Beileibe nicht nur Berufsfußballer. Jeder von uns muss sich die Frage stellen, welchen Stellenwert Erfolg und Anerkennung haben und wodurch letztere erfahren wird. Welche Rolle spielt der Beruf, welche Familie und Freunde? Was hält einen noch, wenn man den Job verliert? Fragen zwischen Haben und Sein. Sebastian Deisler, Robert Enke und Andreas Biermann mahnen unsere Leistungsgesellschaft.

(Josef Bordat)

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