Boateng und Popper

4. Juli 2016


Es läuft die 77. Spielminute des EM-Viertelfinales Deutschland gegen Italien in Bordeaux. Es steht 1:0. Deutschland kontrolliert das Spiel und verwaltet souverän die knappe Führung. Dann reißt Jérôme Boateng nach einer Flanke im eigenen Strafraum die Arme beim Sprung zum Kopfball hoch wie sonst nur Manuel Neuer. Der Ball kann kaum anders als gegen eine der beiden Hände zu klatschen. Elfmeter. Der Ausgleich. Und alle fragen sich: Was war das denn? Antwort: Ein schwerer Fehler des sonst so stabilen Innenverteidigers.

Fehler gehören zum Menschsein dazu. Es war kein geringerer als der Philosoph Karl R. Popper, der den Irrtum sogar als die treibende Kraft des Fortschritts betrachtete. Denn ohne das Falsche könnten wir das Wahre nicht erkennen, so, wie wir ohne das Böse das Gute übersehen. Der Mensch ist eben kein absolutes Wesen mit dem Einblick in die absoluten Kategorien des Wahren, Guten und Schönen. Er braucht den Vergleich, den Kontrast. Trocknes Brot weiß nur zu schätzen, wer mal Hunger litt. Fehler seien daher, so Popper, ebenso lästig wie unvermeidlich. Da der Mensch zwangsläufig Fehler macht (zumindest machen könnte), käme es nun nicht darauf an, eine widernatürliche Unfehlbarkeit zu postulieren oder Fehler zu vertuschen oder klein zu reden, sondern sie offen zuzugeben, um aus ihnen lernen zu können.

Jérôme Boateng hat seinen Fehler zugegeben und um Entschuldigung gebeten. Doch: Kein Anlass weit und breit! Denn: Was für ein Spektakel wäre uns am Samstag Abend entgangen, hätte Deutschland nach neunzig Minuten humorlos mit 1:0 gewonnen! Boateng aber sorgt mit seinem Lapsus für einen schier sensationellen Spielverlauf. Dieses EM-Viertelfinale wird uns in Erinnerung bleiben. Und wieder einmal zeigt sich: Popper hat Recht. Es sind die Fehler, die uns weiterbringen. Ohne Fehler haben wir nichts zu sehen, nichts zu lachen und nichts zu diskutieren. Zum Glück wird es auch im Fußball immer Fehler geben. Dafür sorgen im Zweifel schon die Schiedsrichter.

(Josef Bordat)

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