Antoine Griezmann und die Goldene Regel

8. Juli 2016


Ein 80-Millionen-Volk in lähmender Trauer. Deutschland ist im Halbfinale der Fußball-EM ausgeschieden. Antoine Griezmann hat Die Mannschaft mit zwei Toren aus dem Turnier geschossen. Frankreich gewinnt zwei zu null. Die Franzosen jubeln, die Deutschen sind am Boden zerstört.

Von Sportereignissen wie der Fußball-EM bleiben uns neben den Bildern jubelnder Sieger die leeren und müden Blicke der Verlierer in Erinnerung. Und so, wie man sich mit den Siegern freut, so empfindet man Mitleid mit den Verlierern, die aufgrund der Leistungsdichte in vielen Sportarten häufig knapp und manchmal auch sehr unglücklich den Kürzeren ziehen.

Einerseits gehört dies zum kompetativen Sport, andererseits stellt sich die Frage, ob es nicht moralisch falsch ist, den Kollegen das Leid der Niederlage zuzufügen, denn schließlich haben wir doch alle seit unseren Kindertagen die Goldene Regel im Hinterkopf: „Was Du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“ Und wer möchte schon, dass ihm im Sport eine Niederlage zugefügt wird?!

Ist also die Goldene Regel ein Indiz dafür, dass sportlicher Wettbewerb prima facie unmoralisch ist? Antwort: Nein! Die Lösung des Problems liegt in der sprachanalytischen Unterscheidung von Handlungs- und Erfolgsbegriffen. Dabei stellt sich heraus, dass „siegen“ ein Erfolgsbegriff ist, der das Ergebnis einer Handlung beschreibt, das – im Gegensatz zum Prozess der Handlung – außermoralisch ist.

Man handelt darum moralisch nicht falsch, wenn man – wie alle anderen Wettbewerbsteilnehmer auch – im Prozess des „Siegen wollen“ sein Bestes gibt und dadurch im Ergebnis die Konkurrenz besiegt. Man muss im Sinne der Goldenen Regel nur hoffen, dass alle Beteiligten auch wirklich ihr Bestes geben (nicht mehr und auch nicht weniger!), dass sie also dem Handlungsbegriff „zu siegen versuchen“ ernsthaft und aufrichtig Rechnung tragen. Und das war gestern ohne Zweifel der Fall.

Der Sieger eines fairen Wettbewerbs, in dem jeder Teilnehmer sein Bestes gibt, braucht sich also nicht zu schämen. Moralisch verhält er sich einwandfrei. Und der Verlierer sollte nicht mit dem Schicksal hadern: Schon bald kann auch er wieder jubeln. Das gilt besonders für die junge deutsche Fußballnationalmannschaft.

(Josef Bordat)

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