Und wer ist mein Nächster?

10. Juli 2016


Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? (Lk 10, 29)

Und wer ist mein Nächster? Der Gesetzeslehrer, der Jesus diese Frage stellt, will eine klare Definition, die zugleich als Ausschlussklausel wirkt, eine rechtssichere Begrenzung seiner Verantwortlichkeit. Bis hierhin geht das normativ gebotene gute Handeln – und nicht weiter. Der Nächste hat die nachfolgenden Eigenschaften. Personen, die diese Eigenschaften nicht haben, sind nicht unsere Nächsten. Beschlossen und verkündet. Juristen!

Juristen? Nein – Menschen! Es ist menschlich absolut verständlich, Grenzen ziehen zu wollen. Unsere Kräfte sind nun mal begrenzt. Wir müssen mit unseren eingeschränkten Möglichkeiten rechnen, können – nein: dürfen – uns nicht überlasten, uns nicht zuviel zumuten. Wer sagt, dass er allen Menschen helfen will, hilft am Ende in der Regel niemandem konkret. Die Rechnung geht auf, wenn wir nicht nur die Variablen beachten, sondern auch die Konstanten unseres Daseins.

Aber es gibt eben immer wieder Fälle, die dieses Kalkül zunichte machen. Menschen in Not, die plötzlich auftauchen, als große Variable unseres Lebenskalküls. Sie sprengen den als konstant angenommenen Ergebniskorridor unserer berechnenden Vorstellung von angemessener Hilfsbereitschaft. Sie machen uns – anders und vielleicht etwas deutlicher gesagt – einen fetten Strich durch die schöne Rechnung.

Der Nächste ist oft gerade der, von dem man es nicht erwartet hat. Jemand, der sonst immer so stark ist und plötzlich Hilfe braucht. Jemand, dem wir ohnehin wohlwollend gegenüberstehen, der nun aus gegebenen Umständen unsere zusätzliche Unterstützung benötigt. Jemand, der uns überhaupt nicht nahe steht, mit dem uns nichts zu verbinden scheint, der uns aber nahe kommt, so nah, dass wir seine Not nicht mehr guten Gewissens übersehen können.

Wir sind unterwegs zu einem wichtigen Ziel, zum Beispiel unserer Selbstverwirklichung, und da liegt plötzlich jemand am Rand unseres Lebenswegs. Was nun? Die barmherzige Liebe gehorcht nicht den Regeln der Opportunität. Sie übertrifft den angeblich gerade noch vertretbaren Einsatz für andere Menschen. So sind Menschen, die besonders viel für ihre Nächsten tun, von genau dieser Liebe getragen. Auffällig oft bezeugen sie, nach ihrer Motivation gefragt, dass sie aus dem festen Glauben heraus handeln, diese überbordende Liebe selbst empfangen zu haben.

Und wer ist mein Nächster? Diese Frage kann nur jeder für sich beantworten. Und die Antworten werden höchst unterschiedlich ausfallen. Wir sollten als Christen zweierlei – auch als Frucht der Liebe: Zum einen die Grenzen nicht undurchlässig machen, um niemanden prinzipiell von der Barmherzigkeit auszuschließen, zum anderen einander in den unterschiedlichen Antworten respektieren und das Engagement des einen nicht gegen den Einsatz des anderen ausspielen.

Nur, wer ausschließlich sich selbst der Nächste ist, wer seine Augen vor der Not anderer Menschen verschließt und – komme, wer oder was wolle – weiterhin unbeirrt seinen Weg geht, ohne grundsätzlich bereit zu sein, stehenzubleiben, hinzusehen und mit anzupacken, auch auf die Gefahr hin, sich die Finger schmutzig zu machen, verfehlt das Christentum. Denn er lässt seine eigene menschliche Rechnung nicht von Gott korrigieren, der durch den Nächsten zu uns spricht.

(Josef Bordat)

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