Papst Franziskus, der Islam und die Gewalt

1. August 2016


Papst Franziskus hat während des Rückflugs aus Krakau eine Pressekonferenz gegeben, in deren Verlauf er sich auch zum Thema Terror und Gewalt äußerte und dabei zu folgender Einschätzung gelangte: „In jeder Religion gibt es eine kleine fundamentalistische Gruppe, wir haben auch eine. Und wenn dann der Fundamentalismus gewalttätig wird, dann ist es nicht mehr gerecht, Islam und Gewalt zu identifizieren.“

Damit holt der Heilige Vater die Debatte dort ab, wo sie sich derzeit befindet: Es geht ihr bei der Ursachenforschung im Zusammenhang mit terroristischer Gewalt um Religion bzw. religiösen Fundamentalismus im Allgemeinen, nicht um den Islam bzw. um Islamismus im Besonderen. Der Papst vergisst allerdings zu erwähnen, dass diese säkularistische Perspektive am Problem vorbeigeht – und damit dessen Lösung verhindert.

Keine Frage: Die Verbindung von Religion und Gewalt braucht eine ernsthafte Auseinandersetzung. Die Gleichsetzung von Christentum und Islam in dieser Frage verhindert jedoch gerade diese ernsthafte Auseinandersetzung. Denn: Weder hinsichtlich der Entstehungsbedingungen noch der Geschichte und schon gar nicht der Gegenwart sind Christentum und Islam in der Gewaltfrage ernsthaft gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil: Größer kann der Unterschied nicht sein.

Das lässt sich ohne jede Kenntnis der jeweiligen Glaubenslehren rein empirisch erkennen, wenn man sich die Geschichte der letzten 25 Jahre anschaut (also die Phase nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung, die vieles an „religiös“ motivierter Gewaltbereitschaft ideologisch überdeckte und militärisch einfrieden konnte). Man wird feststellen, dass Gewalttäter, die sich explizit auf Jesus Christus berufen, selten sind. Gewalttäter, die sich auf den Islam beziehen, die meinen, mit Terrorakten und brutalen Morden Allah einen guten Dienst zu erweisen, gibt es jedoch viele. Praktisch täglich sind sie aktiv, mal mehr, mal weniger im Blickfeld der Medien.

Wenn man sich zudem noch die Mühe macht, die beiden Religionen hinsichtlich dessen zu vergleichen, was sie an Glaubensgut beinhalten, was sie die Gläubigen lehren und wie sie sich daraufhin in ihrer Geschichte entwickelt haben, stellt man fest, dass der empirische Befund theologische und historische Gründe hat.

Gewalt von Christen findet keine Deckung durch den christlichen Glauben, die historischen Verfehlungen der Christenheit ereigneten sich nicht wegen, sondern trotz des Christentums. Im Spiegel der Barmherzigkeit, die in Jesu Botschaft der Liebe hervorsticht, aber auch der beispielgebenden Gewaltlosigkeit Seines Auftretens erscheint Friedfertigkeit als Schlüsselkonzept des christlichen Glaubens, nicht Gewaltbereitschaft. Sowohl die Theologie als auch die Pastoral haben das erkannt und weisen vielstimmig darauf hin: Ein Christ kann sich nicht auf Jesus berufen, wenn er Gewalt anwendet. Niemals.

Auch dann nicht, wenn die Gewalt naturrechtlich begründbar und daher zulässig ist. Augustinus entwickelte rund ein Jahrhundert vor Mohammed Grundzüge einer theologischen Lehre vom Gerechten Krieg, mit dem eine realpolitische Option der Feindesliebe Jesu verwirklicht werden sollte: die Verteidigung gegen den Aggressor bringt diesen zurück auf den Weg des Friedens. Damit, so die Idee, trage die kriegerische Gewalt der Feindesliebe in den seltenen dramatischen Fällen Rechnung, in denen ausbleibende Verteidigung dem Aggressor immer neue Gewalt ermöglichen und ihn daher förmlich zu deren Fortsetzung motivieren würde. Ziel des Gerechten Krieges ist ein stabiler Friede in Gerechtigkeit. Was man auch immer von diesem Konzept halten mag, der Rechtfertigungsdiskurs des bellum iustum-Topos zeigt die eigentliche Einstellung des Christentums zur kriegerischen Gewalt: Krieg ist ein Übel, auf das nur nach Ausschöpfung aller friedlichen Mittel zurückgegriffen werden darf. Gewalt ist nichts, das Jesus will, auch dann nicht, wenn ihre Anwendung geboten scheint. Bei Seiner Verhaftung sagt Christus sehr deutlich, was er von Gewalt hält: nichts (vgl. Joh 18, 10-11).

Der evangelische Theologe Richard Schröder grenzt davon den Islam deutlich ab: „Die christlichen Skrupel hinsichtlich der Legitimität des Krieges waren Mohammed fremd“, was daran liege, dass „diese beiden Arten von ,Monotheismus’ [Christentum und Islam, J.B.] durch ein fundamental anderes Verhältnis zur Gewalt charakterisiert werden, was mit ihren Entstehungsbedingungen zu tun hat.“ Die Entstehungsbedingung des Islam ist gewaltsame Expansion, die des Christentums ist Verfolgung. Wie gesagt: Größer kann der Unterschied nicht sein.

Beides zeigt sich auch heute noch, beides hängt zusammen. Islamisten sind seit Jahren auf dem Vormarsch, um neue „Islamische Republiken“ mit Geltung der Scharia zu begründen, insbesondere Christen werden seit Jahren zu Opfern dieser Entwicklung. Über 100.000 Christen sterben jährlich, weil sie Christen sind. 80 Prozent aller Menschen, die aus religiösen Gründen verfolgt werden, sind Christen. Ihr Anteil an den Menschen, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit ermordet werden, liegt bei weit über 90 Prozent. Die Verfolgung findet heute vor allem in den fünf islamischen Staaten mit voller oder teilweiser Geltung der Scharia statt (Iran, Afghanistan, Mauretanien, Pakistan, Sudan), hinzu kommen die drei Staaten, in denen „Islamische Republiken“ angestrebt werden und in denen die Gewalt derzeit (und zwar daher!) besonders grausam wütet: Irak, Syrien, Nigeria.

Das bedeutet nicht, dass es keinen friedlichen Islam geben könnte. Dazu gehört aber zunächst die grundsätzliche Trennung von Geistlichem und Weltlichem, wie sie bereits im Evangelium angelegt ist und von der Christenheit sehr früh (nämlich schon im 5. Jahrhundert) in Begriffe gebracht wurde, die Anerkennung der Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit, zu der sich die Christenheit in einem langen Prozess durchgerungen hat, die Gleichwertigkeit des Anderen in moralischen und rechtlichen Fragen, also ein ethischer Universalismus, der in prinzipiellen Angelegenheiten des Menschseins keine Unterschiede zwischen Menschen macht (etwa bei der Zuschreibung von absoluter Würde und der Garantie eines bedingungslosen Lebensrechts) und nicht zuletzt eine theologische Ausdeutung des Koran in friedensethischer Perspektive. Das ist nötig und (wohl auch) möglich.

Ich denke also, wir können und sollen differenzieren zwischen Islam, Islamismus und islamistischem Terror, zwischen der Religion, ihrer fundamentalistischen Übersteigerung und opportunen politischen Vereinnahmung sowie deren gewaltsamen Folgen. Das heißt (zurück zu Papst Franziskus): Es ist sicher nicht gerecht, Islam und Gewalt gleichzusetzen. Man wird der Sache aber auch nicht gerecht, wenn man in Fragen der Gewalt Islam und Christentum gleichsetzt. Denn das relativiert nicht nur das Problem des islamistischen Fundamentalismus‘ und macht es damit unerträglich klein, sondern es ignoriert vor allem die genannten Tatbestände. Und verhindert damit, dass das Problem gelöst wird.

(Josef Bordat)

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