Der Gott der Grünen

2. August 2016


Nun hängen sie wieder, die Wahlplakate mit all jenen Forderungen, die man in den letzten fünf Jahren längst hätte umsetzen können: bessere Bildung, mehr Sicherheit, soziale und ökologische Erneuerung der Stadt. Mehr Radwege. Immerhin: Die Grünen sind die einzige Partei, die neben den Radwegen auch das Thema Religion aufgreifen. Zumindest indirekt. Auf einem der Wahlplakat steht nämlich… ach, was – sehen Sie selbst:

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Nun, das soll wohl Toleranz und Offenheit vermitteln, vermittelt aber zunächst einmal nur eines: Gleichgültigkeit. Und das in zweierlei Hinsicht.

Zum einen bedeutet es soviel wie: Alles ist gleich gültig, ob man nun Veganer ist oder evangelisch oder heterosexuell oder Radfahrer, alles bloß Eigenschaften des Menschen. Es gibt keine Hierarchie der Merkmale mehr. Konstitution und Disposition stiften gleichermaßen Identifikation und damit Identität. „So – Du bist Moslem? Sieh an, ich sammle Briefmarken!“ Kirche ist auch bloß ein Verein. Alles ist Akzidenz, nichts hat Substanz. „Ding“, wohin man schaut.

Und dann ist eben am Ende nichts mehr wichtig, was dem Anderen wichtig ist – es kann mir gleich sein. Dass Menschen ihren Glauben an Gott ernst nehmen, gerät völlig aus dem Blick, wenn man meint, Religion sei auch nur ein Hobby, dem man so indifferent wie möglich begegnen sollte, um dem religiösen Rückstand in unserer Gesellschaft gerecht zu werden, bis er dann entfernt sein wird.

Wenn mir jemand sagt: „Das ist mein Ding“, so zielt das zum anderen nicht auf Toleranz oder gar Akzeptanz, sondern auf Nichteinmischung. Das ist die Praxis der Gleichgültigkeit. Wer „sein Ding“ machen will, der will es allein und ungestört tun. Kümmere Dich um Deinen Kram, ich kümmere mich um meinen! Das ist die Maxime dahinter. Fragmentierung, mehr noch: Atomisierung der Gesellschaft, an deren Ende eine wabernde Masse aus Individuen mit divergierenden Präferenzen steht, die sich beim Karneval der Kulturen treffen. Keine Gemeinschaft, nirgens. Das könnte als soziologischer Befund so stehen bleiben. Berlin ist halt so. Punkt.

Nur steht das bei den Grünen in einem eigenartigen Kontrast (man könnte auch sagen: Widerspruch) zur Forderung nach Gemeinschaft. Damit Berlin gelingt, so die gleichen Grünen, die gerade noch alle ihr Ding machen lassen wollten, sind wir aufeinander angewiesen. So ein anderes Wahlplakat, das ich bisher nur großformatig gesehen habe:

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Richtig: An echtem Interesse füreinander geht nichts vorbei. Kein Weg. Vor allem nicht in Berlin. Man sollte also versuchen, soweit es irgend geht, das „Ding des Anderen“ zu verstehen. Und nicht nur schulterzuckend gelten zu lassen. Der Gott der Grünen gehört in die eigenen vier Wände. Und der Glaube bleibt unverstanden. Der Gott der Grünen ist jedermanns Privatsache (vulgo: „Ding“) und den Nachbarn geht’s nichts an. Darüber spricht man nicht! Wer also an Gott glaubt, so die Grünen, schweige davon schamhaft. Und nachgefragt wird auch nicht, versprochen! So kommen die Menschen, die in Berlin die Gesellschaft bilden, nicht miteinander ins Gespräch über Glaube und Religion. Wäre aber wichtig.

(Josef Bordat)

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