Olympia. Eine vorläufige Bilanz

18. August 2016


Zugegeben: Es lief sportlich nicht alles optimal. Ich halte aber die Selbstzerfleischung des deutschen Sports für unangemessen. Kritik lässt sich sicherlich üben, Missstände aufzeigen (und beseitigen), aber grundsätzlich kann ich – beim schlechtesten Willen – keine so negative Bilanz der Spiele von Rio ziehen. Bleiben wir bei den Fakten. Bewertet man die Goldmedaille mit drei Punkten, die Silbermedaille mit zwei Punkten und die Bronzemedaille mit einem Punkt, so hat Deutschland in Rio bisher 64 Punkte erlangen können, nach etwa 70 Prozent der Entscheidungen. In den Mannschaftssportarten werden weitere Medaillen folgen und auch sonst haben wir noch einige heiße Eisen im Feuer.

In London (2012) waren es 85 Punkte, vier Jahre zuvor in Peking 83 Punkte, 2004 in Athen 91 Punkte und bei den Milleniumsspielen von Sydney 99 Punkte. Freilich ist zu berücksichtigen, dass die Zahl der Wettbewerbe kontinuierlich stieg, so dass die Punktzahl noch entsprechend gewichtet werden müsste, aber für eine vorläufige Beurteilung reicht zunächst einmal die Feststellung, dass es – wenn überhaupt – vor zehn bis zwölf Jahren einen Abwärtstrend gegeben hat, nicht aber heute.

Das wiederum kann an dem abklingenden Nachhall einer ganz besonders ambitionierten Sportlerausbildung in der DDR gelegen haben, aber auch daran, dass es Deutschland seit Jahren schon mit dem Anti-Dopingkampf ernster nimmt als andere Nationen. Oder auch an beidem. Geht man noch weiter in die Geschichte zurück, so bestätigt sich diese Vermutung: In Atlanta (1996) holte Deutschland 123 Punkte und in Barcelona – den ersten Spielen nach der Vereinigung – gar 169 Punkte. Und die DDR gewann bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 sage und schreibe 37 Gold-, 35 Silber- und 30 Bronzemedaillen, in Punkten: 211. Die damalige Bundesrepublik holte in Seoul 76 Punkte. Wir nähern uns also wieder dem Niveau der alten Bundesrepublik an, was gemessen an der Bevölkerungsverteilung zwischen Ost und West durchaus plausibel ist. Was nach der Wende wegfiel, das ist das Ausbildungs- und Dopingsystem der DDR. Und damit drei Viertel der Medaillen.

Was jedoch auffällt und nicht zu leugnen ist: Deutschland verliert in den Kernsportarten an Boden. Das liegt vor allem daran, dass andere Nationen dort an Boden gewinnen. Es liegt aber auch daran, dass im Schulsport und im Angebot der Vereine nicht-olympische (und oftmals auch nicht kompetitive) Funsportarten längst die klassische Trias Leichtathletik, Turnen, Schwimmen verdrängt haben. Dort lassen sich schneller achtbare Resultate erzielen und das Training ist nicht so monoton und schweißtreibend wie in den olympischen Disziplinen. Klar, dass es damit für die großen Sportarten schwer wird. Das Problem dabei: Beim Trainieren dieser Disziplinen werden die wesentlichen Elemente jeder anderen Sportart mitgebildet: Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Ausdauer. Ganz zu schweigen von Tugend wie Beharrlichkeit und das Überwinden des inneren Schweinehunds, der, wenn es an das Umrunden des Sportplatzes oder das Bahnenziehen im Schwimmbecken geht, ganz anders mit dem Zähnen fletscht als angesichts von Skateboardfahren oder Lacrosse. Wer also im Schulsport und im Kinder- und Jugendsport der Vereine auf das Laufen, Springen und Werfen verzichtet, wird das langfristig auch in anderen Sportarten spüren. Und in anderen Bereichen der Gesellschaft.

Und das Thema Doping? Nun, es scheint bei den Spielen alles sauber gewesen zu sein. Nachdem man im Vorfeld die größten Dopingsümpfe trocken gelegt hat. Dennoch waren hunderte Sportler am Start, die in ihrer Karriere bereits beim Betrügen erwischt wurden. Zum Teil auch mehrfach. Doch machen wir uns nichts vor: Der Sport ist auch hier nur Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn wir eine Tasse Kaffee trinken, nicht aus Genuss, sondern, um wach zu werden (oder zu bleiben), dann bekommt das intentional eine dopingnahe Note. Freilich ist Koffein nicht so problematisch wie EPO & Co., doch der Wille, die Leistungsfähigkeit schnell und ohne weiteres zu steigern, ist auf der Bahn und im Büro derselbe. Der Schlüssel zur Lösung des Problems könnte in einer anderen Betrachtung der Leistung liegen: Ohne Leistung geht es nicht, aber Leistung ist bei weitem nicht alles.

Viel wichtiger als der zählbare Erfolg ist denn auch das Auftreten der Aktiven. Und das war nicht immer vorbildlich, gerade auch bei einem Athleten, der sportlich besonders überzeugte. Es geht nicht darum, dass man den Sportlern, die verunsichert sind, wenn es darum geht, sich angemessen zu verhalten, einen Kommunikationstrainer an die Seite stellt, der ihnen beibringt, wie man artig im 90-Sekunden-Interview den demütigen Sieger spielt. Wie man „Ich bin überglücklich und grüße meine Oma!“ sagt. Das muss nicht sein. Und Niemand muss in jedes Mikrofon sprechen, das man ihm unter die Nase hält, wenn ihm das nicht liegt. Aber, man ist als Olympiateilnehmer oder gar -sieger eine Persönlichkeit des öffentlichen Interesses – und muss damit leben. Irgendwie. Zudem: Viele Olympioniken haben zwar kein öffentliches Amt inne und repräsentieren auch nicht einen Teil des Souveräns im Parlament, aber sie sind doch überdurchschnittlich oft in Einrichtungen tätig, die mit Steuergeldern finanziert werden und deren Zweck die Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben ist, oder auf die Wahrnehmung derselben vorzubereiten. Ein wenig Anstand kann man da schon erwarten. Als Steuerzahler.

(Josef Bordat)

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