Über den Opportunismus

19. August 2016


Wenn man zu hören bekommt, man sei ein Opportunist, wird man sich demnach vermutlich nicht gerade geschmeichelt fühlen. Zur handfesten Beleidigung wird eine derartige Charakterisierung im politischen Diskurs, in dem es um die Profilierung eigenständiger Positionen geht, um die Meinung des Einzelnen. Wer sich hier opportunistisch verhält, also uneingeschränkt so, wie es ihm am besten gelegen kommt, der verrät das hohe Gut der Meinungsfreiheit. Er tauscht das Eigene gegen das Allgemeine, das Besondere gegen das Gewöhnliche, das Sperrige gegen das Passgenaue und Zeitgemäße. Das Individuum, auf dessen Entdeckung die Moderne so stolz ist, taucht im Kollektiv unter – bis es ganz verschwunden ist. Das macht den Opportunismus so gefährlich.

Dass es aber manchmal auch ganz vernünftig sein kann, sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen, erkläre ich in einem Essay für die Tagespost. Kurz gesagt: Selbst Meinungsführer haben manchmal Recht.

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, so erinnere ich vor allem eines: Es gab nicht Schlimmeres als dem Lehrer zuzustimmen. Und zwar aus Sicht des Lehrers. Denn damit drohte das Hauptziel aller bundesrepublikanischen Erziehungsarbeit verfehlt zu werden: die Bildung kritischer Geister. Kritikfähigkeit ist sicher wichtig, doch kritisieren heißt unterscheiden. Und es kann durchaus sein, dass man beim Unterscheiden feststellt: Alles (oder zumindest das meiste) ist ganz in Ordnung. Und dass man so etwas dann auch sagt. Daraus zu schließen, man sei ein hoffnungslos angepasster Opportunist, der brav die Lügenpresse nachbetet, ist eine Überreaktion. Man sollte auch sagen dürfen, dass Angela Merkel Recht hat, wenn sie Recht hat. Zweckopposition, nur um ja nicht in den Geruch des Opportunismus zu geraten – das ist keine Tugend.

Eine Tugend hingegen ist es, zwischen opportunem und opportunistischem Verhalten zu differenzieren. Wie gesagt: Näheres dazu in der Tagespost.

(Josef Bordat)

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