Ketzerei

22. August 2016


Wer mit Nichtglaubenden über Glaubensfragen spricht, kommt von diesen sehr schnell auf allgemeine Begriffe wie Toleranz, Wahrheit, Freiheit usw. – stets unter der Vorgabe, der Kirche mangele es – trotz oder gerade wegen des gegenteiligen Anspruchs – an dem einen wie dem anderen. Oder auch an allem. Und so mancher Kirchenkritiker gefällt sich in der Rolle des Verfolgten. Das beißt sich offenbar auch nicht damit, dass Kirchenkritiker regelmäßig die höhere intellektuelle Redlichkeit für sich reklamieren und einen zumindest hohen Grad an Publizität verzeichnen. Also: Man kritisiert die Kirche, verdient damit Meriten und Geld, fühlt sich aber dennoch von der Kirche unterdrückt. Die Antwort auf die Frage, was sie eigentlich tun würden, gäbe es die Kirche nicht (zumindest nicht in der kritisierten Form), bleiben Kirchenkritiker schuldig.

Ich will aber eigentlich über Ketzerei schreiben. Das besondere Charakteristikum der Ketzerei ist ja nicht die Tatsache, dass damit Kritik an der Kirche geübt wird, sondern die Auffassung, diese Kritik sei von der Kirche unbedingt anzunehmen. In den Augen des Ketzers entfernt nicht er sich von der Kirche, sondern die Kirche von der Wahrheit – die er, der Ketzer, ganz genau kennt. Die Kirche hat jedoch selbst den Anspruch, die Wahrheit zu verkünden. Daraus entsteht ein Konflikt „auf Augenhöhe“, wie man neudeutsch sagen würden. Mich oder die Kirche – es kann nur eine(n) geben. Die Herausforderung, bisweilen auch Gefahr für die Kirche ist jedenfalls gegeben. Wenn nun die Ketzer öffentlich in Erscheinung und damit offen in Konkurrenz zur Kirche treten, muss sich die Kirche abgrenzen. Das geschieht durch Klarstellung der eigenen Lehre und entsprechende Argumentation im Diskurs, das geschieht jedoch auch durch Ausschluss, durch Exkommunikation. Das ist immer noch so. Dass damit zu bestimmten Zeiten weltliche Strafen verbunden waren, bis hin zum Tod, das ist tragisch, ändert aber nichts daran, dass die Kirche das Recht hat, festzustellen, wer in ihrem Namen spricht und wer nicht. Jede Partei und jeder Verein macht das genauso. Deswegen gibt es Parteiausschlussverfahren und den Tatbestand des „vereinsschädigenden Verhaltens“. Wenn schon rechtliche Depotenzierung der Institution Kirche, dann richtig.

Aber nochmal einen Schritt zurück. Wie ist das mit der Wahrheit? Zunächst stellt sich Jesus selbst den Menschen als die Wahrheit vor (Joh. 14, 6). Wer also Jesus folgt, folgt der Wahrheit. Darauf baut die Kirche auf. Zu ihren Entstehungsbedingungen im erstem bis dritten Jahrhundert zählt das Auseinanderfallen von kultischer Praxis und philosophischer Reflexion, von Mythos und Logos, von Glaube und Vernunft, der unter Nicht-Christen zu Spannungen und Intoleranz führte, wenn Menschen den religiösen Bräuchen nicht nachkamen (das führte unter anderem zur Christenverfolgung). Die Theologen des frühen Christentum wollten diese Sphären in der neuen Religion zusammenführen. In diesem Sinne betonen sie die Wahrheit des christlichen Glaubens (etwa Justin im zweiten oder Tertullian im dritten Jahrhundert). Die christliche Lehre verstand sich folglich weniger als Theologie denn als Philosophie. Auch von daher steht die Wahrheit im Mittelpunkt. Steht sie ohnehin, weil und soweit Christus im Mittelpunkt steht – die Wahrheit in Person und als Person. Und Jesu Zusage, dass die Pforten der Hölle die Kirche niemals überwältigen werden (vgl. Mt 16, 18), kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass der Irrtum (die Hölle) die Wahrheit (Christus selbst) in der Tradierung durch Menschen (die Kirche) nicht entscheidend schwächen kann, dass also die Kirche als solche – geleitet und erleuchtet vom Heiligen Geist – in Bezug auf Glaubensfragen richtig liegt.

So – und jetzt kommt der Ketzer mit seiner abweichenden Position. Wie damit umgehen? In Liebe und mit Toleranz! Die christliche Theologie der Spätantik (zu erkennen bei Augustinus etwa, aber auch bei Johannes Chrysostomus) entwickelt eine Ethik, mit der die innere Vielgestaltigkeit der frühen Christenheit ausgehalten und ausgeglichen werden sollte. Diese musste die menschliche Person (in ihrer Gottebenbildlichkeit) vor Unduldsamkeit schützen. Sie musste, kurz gesagt, dafür sorgen, dass die Ermahnung des Paulus an die Gläubigen der Gemeinde in Korinth, einander in Liebe zu ertragen (vgl. 1 Kor 13, 7), in der ganzen Kirche Beachtung und Befolgung findet. Dass es trotz dieser Haltung der Toleranz (und trotz des Verzichts auf Körperstrafen, mit dem die Christenheit von der gängigen antiken Praxis abwich), in späterer Zeit zur Verfolgung und Tötung von Ketzern kam, lag einerseits an der theologischen Gegenposition der mittelalterlichen Scholastik, andererseits am wachsenden Einfluss der Legisten innerhalb der Kirche, die eine Überstellung von Ketzern an die weltliche Obrigkeit befürworteten. Im Hochmittelalter war Ketzerverfolgung dann eine Sache der Staatsräson, rechnete der Regent doch mit göttlicher Strafe im Falle einer Duldung von „Gottesfeindschaft“ in seinem Einflussbereich. Kaiser Friedrich II. hat in den Konstitutionen von Melfi (1231) schließlich Ketzerei und Majestätsverbrechen recht­­lich gleichgestellt. Hatte die Kirche einen Ketzer identifiziert, wurde dieser zur Bestrafung an den weltlichen Arm überführt, der dann nach seinen Regeln vollstreckte – einschließlich der Todesstrafe. Die Kirche selbst hatte zuvor – Ratschlägen des Kirchenvaters Augustinus folgend – Ketzerei mit Buße und Verbannung, Haft und Enteignung einzudämmen versucht – nicht jedoch mit der Todesstrafe, obgleich der Volkszorn diese zunehmend verlangt hatte.

Doch wie konnte es innerhalb der Kirche, die ja nicht nur der Wahrheit, sondern auch der Liebe verpflichtet ist, überhaupt zur Verfolgung von Ketzern kommen? Wie gesagt: Zunächst galt die Toleranz als Richtschnur kirchlichen Umgangs mit Ketzerei. Die Kirche war dabei toleranter als so mancher Ketzer, eine Einsicht, die in der allgemeinen Verklärung von Ketzerei seit der Reformation verloren ging. Hintergrund ist eine theologische Auseinandersetzung um die einschlägigen biblischen Texte. Vertreter größerer Duldsamkeit konnten sich auf die Maßgabe des Evangeliums stützen, inmitten der Weizenfelder auch das „Unkraut“ zu tolerieren („wachsen zu lassen“ – bis zur „Ernte“, vgl. Mt 13, 24-30). Die scholastische Theologie stellt dann zum einen Aspekte des Evangeliums in den Vordergrund, die dem Grundgedanken der liebevollen Duldsamkeit widersprachen, etwa das Gastmahl-Gleichnis (Lk 14, 15-24). Zum anderen wurde das Bild vom Weizen und vom Unkraut auf dem „Acker Gottes“ nunmehr so gedeutet, dass die (wahre) Theologie die (unfehlbare) Kirche selbst zur „Ernte“ bereit mache, weil sie ihr ermögliche, das Unkraut zweifelsfrei zu identifizieren. Einer der wichtigsten Vertreter der scholastischen Theologie, Thomas von Aquin, billigte in diesem Sinne nicht nur den Ausschluss von Ketzern aus der Kirche, sondern auch deren Verfolgung durch weltliche Stellen – einschließlich ihrer Tötung (vgl. Summa Theologiae II-II, q.11, a.3). Für mich ein offener Widerspruch zu dem so differenzierten und bahnbrechenden Gewissenskonzept in Thomas‘ Ethik.

Zurück zum Kirchenkritiker unserer Tage. Wenn dieser sich in einer Traditionslinie mit den Ketzern des Hochmittelalters sieht, dann ist das eitel, insbesondere jedoch albern. Aber: Wie der Ketzer damals kann auch der Kirchenkritiker heute kein Interesse daran haben, mit dem identifiziert zu werden, was er von Grund auf ablehnt, immer unterstellt, es gehe ihm um eine fundamental andere Lehre, nicht um Kritik an Einzelheiten. Daran sollte sich der Umgang der Kirche mit dem Phänomen orientieren – in Liebe, mit Toleranz, aber auch mit Verdeutlichung der inhaltlichen Differenzen, um deren Klarheit willen der Bruch manchmal unvermeidlich ist. Wenn das Verfolgung und Unterdrückung sein soll, weiß ich nicht, wie man das nennen soll, was den Verfolgten und Unterdrückten dieser Welt widerfährt.

(Josef Bordat)

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