Wenn Ehrenamt im Regen steht

29. August 2016


Wer in der Kirche eine ehrenamtliche Tätigkeit übernimmt, der übernimmt damit die Option auf bis zu sieben weitere ehrenamtliche Tätigkeiten. Denn, wer schon mal dabei ist, den Krankenbesuchsdienst zu versehen, der kann auch defekte Stromleitungen im Kindergarten reparieren. Wer als Lektorin aktiv ist, wird oft genug danach gefragt, ob sie nicht auch Gottesdienstbeauftragte werden oder dem Kaplan die Haare schneiden will. Und wer sich einmal zum Putzdienst gemeldet hat, bekommt zweimal jährlich einen nur anfänglich ominösen Anruf: „Morgen, 10 Uhr: Kirchenputz. Pünktlich sein!“

Wer hingegen Küster ist (wie jemand, den ich ganz gut kenne), der hat qua Ehrenamt sämtliche Aufgaben übernommen, die in einer Gemeinde anfallen. Hat die Gemeinde eine Grünfläche mit Blumenbeeten, gehört dazu auch die Gartenarbeit. Eigentlich. In meiner Gemeinde hält man dazu einen jungen Theologen aus Südkorea, der über die Bildung pastoraler Räume promoviert (promovieren sollte), bei der Hospitation jedoch gleich zum Putzdienst, zu Schönheitsreparaturen im Seniorenheim und zur musikalischen Gestaltung des Kleinkindergottesdienstes verpflichtet wurde. Und zur Gartenarbeit.

Doch keine Regel ohne Ausnahme. Für die ganz wichtigen Aufgaben wie das Ausräumen von Kellern oder die konzeptionelle Erarbeitung eines ökumenischen Gottesdienstes ist dann immer noch der Küster persönlich haftbar. Und für die wirklich bedeutenden Arbeiten im Garten auch. „Herr Bordat, wir haben hier eine Hortensie eingepflanzt.“ Die Dame, die in der Gemeinde etwa die Stellung von Kaiser und Papst in einer Person innehat, deutet auf ein verschrumpeltes braunes Etwas. „Bitte gießen Sie die reichlich, ja?!“

Das war zu Beginn dieses Sommers. Die Anweisung erweiterte meinen Tätigkeitsbereich signifikant. Bücher schreiben, Hortensie gießen. Jetzt begab es sich jedoch, dass ich in diesem Sommer durch diverse Großereignisse in meiner Aufmerksamkeit abgelenkt war. Ergo: Ich vergaß. Völlig. Hätte man mir das Stichwort „Hortensie“ genannt, ich hätte es für ein neues synthesisches Dopingmittel weißrussischer Gewichtheber gehalten. Oder US-amerikanischer Schwimmerinnen.

Es dämmerte mir erst vor einigen Tagen, als ich sah, wie sich eine Gruppe älterer Damen nach dem Gottesdienst um die Hortensie versammelte und bewundernd ihre Blütenpracht lobte. Oder zumindest, dass diese künftig wieder zu erwarten sei. „hat er aber gut hingekriegt“, „hätte ich ihm nicht zugetraut“, „dass er das nicht vergessen hat…“, „OK, OK – Wette verloren!“, sind einige der Wortfetzen, die an mein Küsterohr dringen. Ich gehe hochroten Kopfes an der anerkennend nickenden Rudelbildung vorbei. Wozu ein verregneter Sommer doch gut ist.

(Josef Bordat)

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