Deutschlands Katholiken

30. August 2016


Deutschlands Katholiken – so heißt es heute auf der Titelseite der „Rheinischen Post“ – stellten den Zölibat infrage. Eigentlich steht in der Schlagzeile nur „Katholiken“, ohne Deutschland, aber dass es um Deutschland geht, wo immerhin 1,8 Prozent der Katholiken leben, wird dann aus dem Text hinreichend deutlich. Außerdem, so die „Rheinische Post“, fände das Frauendiakonat „in der Bundesrepublik“ (um nicht immer Deutschland, Deutschland zu schreiben) „lebhafte Zustimmung“. Als Beleg gilt die Einlassung einer SPD-Politikerin.

Hintergrund dieser Vorschläge, die letztlich vom Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken stammen, vom Professor Thomas Sternberg, der in Fachkreisen wie der „Rheinischen Post“-Redaktion nur „Deutschlands Katholiken“ genannt wird, ist der „Priestermangel“ und die sich damit angeblich verschlechternde seelsorgliche Lage bei den Katholiken. In Deutschland.

Das Problem: „Deutschlands Katholiken“ lassen mit ihren seit fünfzig Jahren „revolutionären“ und/oder „mutigen“ Vorschlägen so ziemlich alles außer Acht, was für die Beurteilung der Zusammenhänge wichtig ist. Dass etwa in der anderen großen christlichen Organisationsgemeinschaft, wo es das alles schon gibt, was man hier so verzweifelt fordert (und noch viel mehr), auch nicht das Versorgungsparadies ausgebrochen ist, dem die Gläubigen die Türen einrennen. Eher im Gegenteil.

Zudem: Es gibt in Deutschland keinen Priestermangel. In Deutschland kommt ein Priester auf 1500 Katholiken, in Asien und Afrika kommt ein Priester auf 3000 bzw. 4500 Katholiken. Damit ist das Betreuungsverhältnis hierzulande doppelt bis dreifach so gut. Betrachtet man die tatsächliche Teilhabe am Gemeindeleben und den Empfang der Sakramente, wird die Quote für Deutschland noch günstiger, denn während bei uns nur jeder Zehnte zur Sonntagsmesse geht, sind es in anderen Teilen der außerdeutschen Welt dreißig, vierzig Prozent – trotz einer oft stundenlangen Anreise zur nächstgelegenen Kirche.

Aber das ist dem Deutschen unter den Katholiken natürlich nicht zuzumuten. Ebensowenig wie „Import-Priester“ (Sternberg) aus Nicht-Deutschland. Was Deutschlands Katholiken bei solchen Bemerkungen entbehren, ist nicht nur ein Minimum an gutem Geschmack und durchschnittlicher Anstand (wäre Sternberg in der AfD, hätte er heute morgen den sozialen Tod erlitten, in der Bundesrepublik), sondern das Wissen um eine Konstitutionsbedingung des Katholizismus: Der kennt keine In- und Ausländer. Wohl aber die Apostolische Sukzession. Demnach ist jeder Priester, der sich an die Regeln hält, egal woher er stammt, nicht jeder Deutsche, der Lust hat, Priester zu sein, egal nach welchen Regeln. Da müsste man vielleicht einfach noch mal googlen, „Deutschlands Katholiken“!

Was überdies regelmäßig gar keine Rolle zu spielen scheint, das ist die Frage, wie man eigentlich die mutigen, revolutionären Forderungen umsetzen will. In Form eines deutschen Sonderwegs, einer Nationalkirche? Oder will man die so störenden 98,2 Prozent nicht-deutschen Katholiken auf die eigene Seite ziehen? Also: Soll am deutschen Wesen die hiesige Kirchenwelt genesen? Oder doch die ganze Weltkirche? Da müssten sich „Deutschlands Katholiken“ noch einig werden.

(Josef Bordat)

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