Paralympische Spiele

10. September 2016


In Rio de Janeiro laufen derzeit die Paralympischen Spiele. Einige scheinen in dieser Art des Spielens die hässliche Schwester der hübschen spielerischen Perfektion zu sehen, wie sie bei Olympischen Spielen zur Schau gestellt wird. Oder meinen zumindest, das geringere öffentliche Interesse resultiere daraus, dass bei Olympia der „gesunde, schöne, erotische, athletische Körper“ zelebriert werde (Michael Klonovsky) – und bei Paralympia eben etwas anderes. Eine solche Einschätzung ignoriert jedoch, dass das Interesse seit Jahren tatsächlich zunimmt, sowohl bei den Medien als auch den Sponsoren und allmählich auch bei den Zuschauern.

Andererseits sei denen gesagt, die Paralympische Spiele immer noch nicht ernst nehmen oder am liebsten wegschauen wollen, dass im Behindertensport eine Professionalisierung im Gange ist, die dafür sorgt, dass ein Athlet mit einem Arm genauso intensiv trainiert wie ein Athlet mit zwei Armen. Es gibt kaum noch Unterschiede – auch in Sachen Doping. Hier mag man – mit Bedauern zwar, aber doch am deutlichsten – erkennen, wie normal das Verschiedene mittlerweile ist. Auch die Verschmelzung von Veranstaltungen sowie die Diskussionen um die Teilnahme von Athleten mit Behinderung an Wettkämpfen der Nicht-Behinderten zeigt, dass sich die Sphären nicht mehr so sauber trennen lassen. Und das ist auch gut so. Man nennt es Inklusion.

Dennoch bleibt die Faszination der anderen, unvergleichlichen Form des Sports. Das ist nur etwas für Fachleute, aber vielleicht kann auch der Laie erahnen, dass es bei den unterschiedlichen Behinderungen zu ganz verschiedenen Bewegungsabläufen kommt, um die gestellte sportliche Aufgabe zu bewältigen. Ich hatte das große Glück, bei den IPC-Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1994 in Berlin einige Werfer aus der deutschen Mannschaft etwas genauer zu beobachten. Ich kannte den Bewegungsablauf beim Diskuswerfen bis dahin nur als möglichst große Annäherung an das biomechanische Ideal, das zwei gesunde – möglichst lange – Arme und Beine voraussetzt. Gibt es ein Handycap, muss man umdenken. Das macht die Sache spannend. Und führt zu ganz individuellen Einstellungen in der Technik. Die Trainer im Behindertensport leisten bewundernswerte Arbeit.

Ich finde diese große Varianz jedenfalls wesentlich interessanter als die ewig gleichen Bewegungsabläufe in austrainierter Perfektion. So ästhetisch das Kunstturnen oder Turmspringen bei Olympia auch sein mag, nach dem siebten Dreifachsalto mit Schraube habe ich genug gesehen. Bei den behinderten Athleten entdecke ich immer wieder Neues.

Im Zusammenhang mit den Spielen in Rio darf ich noch einmal auf einen Beitrag [pdf] meines Freundes Eugenio hinweisen, seines Zeichens mehrfach Teilnehmer (und Medaillengewinner) bei Paralympischen Spielen, der den Geist der Paralympics beschreibt, auf seine Weise (und auf Spanisch; eine Übersetzung wollte ich immer schon mal machen, kam aber bisher nicht dazu). Und ich darf schließlich sagen, dass die Rede vom Primat des „gesunden, schönen, erotischen, athletischen Körpers“ ganz schnell zum leeren Geschwätz wird, wenn man einen Schwimmer wie Geni, der seine Beine nicht voll einsetzen kann, mit athletischem Armzug locker an sich vorbeiziehen sieht. Spätestens bei der dritten Umrundung kennt man nur noch ein Gefühl: Respekt.

(Josef Bordat)

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