Recht auf Blasphemie?

11. September 2016


Heute sprechen im Haus der Berliner Festspiele Flemming Rose, ehemaliger Redakteur der dänischen Zeitung Jyllands-Posten, die im Jahr 2005 die Mohammed-Karikaturen publizierte, Solène Chalvon, seit 2015 Redakteurin von Charlie Hebdo, und der Richter und Autor Marc Trévidic über das „Recht auf Blasphemie“.

Gibt es dieses Recht? Interessanterweise sind Gotteslästerer ja zumeist Menschen, die gar nicht an Gott glauben. Das Ziel ihres Lästerns ist also nicht Gott. Gott ist für sie eine symbolische Form, hinter der sich menschliche Einrichtungen verbergen, etwa die Religion. Die soll getroffen werden. Wer auf die Frage eine Antwort finden will, muss sich also vor Augen führen, dass Gotteslästerung immer auch Gläubigenlästerung ist, d.h. sie zielt nicht allein auf die Religion als abstrakte Institution, sondern auch auf diejenigen, die sie konkret praktizierten. Damit wird sie auch in einem säkularistischen Verständnis relevant, das keinen Respekt vor Gott kennt (und vielleicht auch gar nicht kennen kann). Denn durch Gotteslästerung werden Menschen beleidigt, die an Gott glauben.

Eine andere Frage ist, warum es dieses Recht so unbedingt braucht. Um die Freiheit der Kunst zu gewährleisten, lautet darauf die Antwort. Aber ist das so? Wäre die Kunst letztlich unfrei, wenn sie auf das „Recht“, Gott und die Welt zu beleidigen, verzichtete? Dazu muss man sich wohl auch anschauen, zu welcher Blüte die Kunst gelangte, in dem Bemühen, Gott und die Welt zu loben und zu preisen. War das alles nur das Machwerk einer von der Kirche verzweckten und versklavten Kunst? Oder ist nicht gerade auch der Glaube der Künstler entscheidend gewesen? Mit der Beantwortung dieser Fragen entfernen wir uns sicher etwas vom stittigen Gegenstand, doch Freiheit ist eben nicht nur ein abstraktes Recht, sondern auch die Bedingung der Möglichkeit größter Fülle gelingenden Handelns. Mir scheint, dass eine immer größere Vielfalt an Optionen, ein immer größeres Zugständnis an Entgrenzung und Schamlosigkeit, eine möglichst weitreichende Belohnung der Frechheit unter dem Konzept der Freiheit nicht unbedingt zum Gelingen von Kunst beiträgt. Aber es ist vielleicht Geschmackssache, wenn man die Sixtinische Kapelle oder den Messias für künstlerisch wertvoller hält als einen Frosch, der an ein Kreuz genagelt ist.

Schließlich muss man sich also auch die Frage stellen, ob es klug ist, ein „Recht auf Blasphemie“ unter allen Umständen auszuüben, wenn man weiß, welche Folgen es haben kann, nicht nur für einen selbst, sondern für unbeteiligte Dritte. Es geht nicht darum, sich der Gewalt zu beugen, sondern darum, Freiheit in Verantwortung zu leben. Und die Freiheitsräume bis in den letzten Winkel zu nutzen, um in Europa Zeitungen und Zeitschriften in größtmöglicher Stückzahl zu verkaufen, wenn man weiß, dass eine solche Nutzung des Freiheitsraums Menschen in anderen Teilen der Welt das Leben kostet, hat nur sehr bedingt etwas mit dem Pathos zu tun, der dem Konzept der Freiheit anhaftet.

Also: Selbst wenn Gotteslästerung in einem säkularistischen Staat zum „Recht“ wird, entbindet dieses mithin nicht vom Nachdenken über dessen Grenzen. Diese mögen heute nicht mehr im Respekt vor dem religiösen Glauben bestehen; die Rücksicht auf religiöse und gläubige Menschen bleibt jedoch grundsätzlich unhintergehbar.

(Josef Bordat)

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