Raum und Welt

12. September 2016


Bewegend wie Das Leben ist schön, verstörend wie Die Wand – sehenswert: Raum.

Eine 17jährige wird entführt, in einen Schuppen gesperrt, von ihrem Peiniger vergewaltigt. Sie wird schwanger, bekommt ein Kind und lebt mit diesem in einem von der Welt völlig abgeschlossenen Raum, in den nur durch eine Dachluke Tageslicht einfällt. Soweit die Vorgeschichte, die der Film Raum (Originaltitel: Room) von Lenny Abrahamson nicht erzählt. Die Handlung, aus der sich diese Fakten nach und nach erschießen lassen, setzt an Jacks fünftem Geburtstag ein.

Die Mutter hat bisher versucht, ihrem Kind eine Phantasiewelt zu konstruieren, die ihm eine stringente Orientierung im Raum ermöglicht. Die Gegenstände im Raum werden personalisiert, um ein Minimum an Beziehung jenseits der Bindung an die Mutter zu ermöglichen. Der Entführer, der ab und an Essen und Kleidung bringt, wird zu einem außerirdischen Versorger, der die Dinge einfach herbeizaubert. Eine Außenwelt mit realen Personen soll es für Jack nicht geben. Es existiert nur der Raum. Die ihn umgebende Welt ist – mit Schopenhauer – „Wille und Vorstellung“.

Wille der Mutter, Vorstellung des Kindes. Erst als Jack nach Ansicht seiner Mutter alt genug ist, die Wahrheit zu erfahren, eröffnet sie ihm diese. Er soll unterscheiden lernen, zwischen dem ontischen Status der Zeichentrickfiguren und dem der Talkshowgäste und Nachrichtensprecherinnen, die dem Kind auf dem unscharfen Bild in dem alten Fernseher gleichermaßen als reine Immagination eines weit entrückten, aus dem Raum heraus unzugänglichen universellen Geistes erscheinen.

Der Fünfjährige hält an der ersten quasi-solipsistischen Version des Daseins fest: Es gibt keine erfahrbare Außenwelt, in die hinein das eigene Leben sinnlich wirken könnte. Dennoch lässt er sich von seiner Mutter zu einer klug eingefädelten Befreiungsaktion überreden, die auch gelingt.

Doch: Befreiung wohin? In eine ihm völlig unbekannte Sphäre grellen Lichts, die er in seiner Phantasie zunächst für das Szenario eines anderen Planeten hält. Erst nach und nach gelingt es Jack, sich in der Welt zurechtzufinden. Raum und Zeit bekommen in der Welt eine neue Bedeutung („In der Welt gibt es viele Räume, in denen alles gleichzeitig abläuft. Deswegen hat Niemand Zeit. Alle sagen immer: ‚Beeil Dich!'“). In den naiven Situationsanalysen des Kindes erlangt der Film philosophische Tiefe.

Im Zentrum steht jedoch die Beziehung der Mutter zu ihrem fünfjährigen Jungen, die in der Welt nicht einfacher ist als im Raum. Ganz im Gegenteil: Mit den unterschiedlichen Interessen (und auch Vorwürfen) von Psychologen, ihren Eltern, dem neuen Lebensgefährten der Mutter, den Medien und den Nachbarn konfrontiert, erreicht ihr Schicksal nach der Befreiung eine dramatische Wendung. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, auch, wenn es bei dem beklemmenden Drama nicht in erster Linie um die Spannung im Plot geht, sondern um zwischenmenschliche Gefühlsräume und -welten. Und um Grundfragen der Erkenntnistheorie. Aber das nur am Rande.

(Josef Bordat)

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