Was wird geschützt beim Klimaschutz?

16. September 2016


Muss das Klima vor dem Menschen geschützt werden – oder für den Menschen?

Immer häufiger taucht in den Initiativen zum Klimaschutz der Gedanke auf, dass es für ein besseres Erdklima vor allem darum gehe, das Wachstum der Bevölkerung zu drosseln oder gar ihre Schrumpfung herbeizuführen; so kürzlich der renommierte Club of Rome. Wenn der Mensch durch Atmung, Konsum und Lebensstil einen Anteil am Klimawandel hat, was nur von wenigen Wissenschaftlern grundsätzlich bestritten wird, so bedeuten weniger Menschen weniger negativen Einfluss. Zu fordern, dass es zur Reduzierung des negativen Einflusses eben weniger Menschen geben soll, ist bestechend logisch, bleibt aber doch inhuman.

Es kann ja bei allem, was Menschen tun, letztlich nur darum gehen, etwas (sei es das Klima, die Wirtschaft, die Struktur politischer Repräsentation usw.) im Hinblick auf den Menschen und das menschliche Leben zu gestalten (soweit das eben möglich ist). Hans Jonas hat dazu mal einen kategorischen Imperativ des Gattungslebens formuliert: „Ein Imperativ, der auf den neuen Typ von Handlungssubjekt gerichtet ist, würde etwa so lauten: ,Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden’“ (Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984: 36).

Darum geht es: Menschliches Leben ermöglichen. Dieses quasi vorauseilend zu beseitigen, um etwas anderes zu schützen, mag verlockend sein (wenn das besagte Andere so wichtig ist wie das Klima), stellt aber die Prioritäten auf den Kopf. Das Klima, die Wirtschaft, die Politik (machen wir es kurz: die Welt) – all das ist für den Menschen da, nicht umgekehrt. Das bedeutet nun gerade nicht, dass der heute lebende Mensch über die Welt verfügen darf, als gäbe es nicht auch künftig Menschen, die in einer bestmöglich geordneten Welt leben wollen.

Es gilt daher, Missinterpretationen des schöpfungstheologischen Bildes der „Krone“ entgegenzutreten, soweit damit uneingeschränkte Herrschaft über die Natur gerechtfertigt werden soll (wie über Jahrhunderte geschehen), sondern um ein Symbol für die Pflicht zu einer verantwortlichen Sicht auf die Mitgeschöpfe. Es bedarf eines Anthropozentrismus mit Augenmaß – aber der Mensch gehört dabei in die Mitte.

Den Menschen als Bezugs- und Zielgröße des Handelns zur Disposition zu stellen, geht schon deshalb nicht, weil wir immer als Menschen urteilen – auch über die nichthumane Umwelt. Wir können weder die Gegenwart, noch die Zukunft aus Sicht einer entvölkerten Erde bewerten, sondern nur aus unserer Sicht. Wir sind es, die zu dem Schluss kommen, dass eine Erde ohne uns klimatisch günstiger wäre. Gäbe es uns aber tatsächlich nicht – wie fiele dann das Urteil aus. Und wer sollte es noch fällen?

Ein weiterer Aspekt: Bei aller Verantwortung für kommende Generationen – wir müssen auch an die jetzt lebenden Menschen denken. In diesem Zusammenhang ist an das zu erinnern, was Karl R. Popper über den Generationenkonflikt gesagt hat: „Erlaube deinen Träumen von einer schönen Welt nicht, dich von den wirklichen Nöten der Menschen abzulenken, die heute in unserer Mitte leiden. Unsere Mitmenschen haben Anspruch auf unsere Hilfe; keine Generation darf zugunsten zukünftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Glücksideals, das vielleicht nie erreicht wird“ („Utopie und Gewalt“. In: Popper, Karl R.: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Bd. 2. Tübingen: Mohr Siebeck 1997: 524).

Wenn wir uns also in einer „Demokratie von Mitgeschöpfen“ sehen (Alfred North Whitehead, Prozeß und Realität. Entwurf einer Kosmologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984: 109), müssen wir dafür Sorge tragen, dass diese nicht zur Anarchie gerät oder, weit schlimmer, zur Öko-Diktatur, die das unterdrückt, was sie zu schützen vorgibt: Leben. Es braucht vielmehr neue Tugenden, die „biophile und ökologische Grundhaltungen“ ansprechen – „Lebensförderlichkeit, Friedensbereitschaft, Schonung im Umgang mit der Natur, Rücksichtnahme auf die Interessen künftiger Generationen sowie Zivilcourage und Wahrhaftigkeit“ – und damit „Antwortmöglichkeiten auf die Herausforderungen der Zukunft bereitstellen“ (Eberhard Schockenhoff, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf. Freiburg i. Br.: Herder 2007: 63 f.). Eine Zukunft aber gibt es nur mit dem Menschen – nicht gegen ihn.

(Josef Bordat)

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