Katholische Weite

7. Oktober 2016


Nina Achminow erzählt über ihren Austritt aus der Kirche – und ihren Wiedereintritt

Wenn es ein Lamento in der Katholischen Kirche in Deutschland gibt, dann das über die Kirchenaustritte. Der Klang der Zahlen, deren Veröffentlichung Jahr um Jahr schockiert, droht ganz allein die älteste und größte Institution immer tiefer in die Krise zu treiben. Der Anteil der Katholiken in Deutschland fiel binnen nur zweier Generationen von 47 auf 29 Prozent.

Vor dreizehn Jahren trat auch die Autorin Nina Achminow aus der Kirche aus. Wie Zehntausende vor und Hunderttausende nach ihr. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ausgetretenen trat sie jedoch wieder in die Kirche ein. Und schrieb gleich ein Buch darüber, das im Programm des renommierten Herder-Verlags Platz fand: Gott – glaube ich. Mein Weg raus aus der Kirche und wieder zurück.

Es sind die eschatologischen und ekklesiologischen Kernfragen, die Nina Achminow umtreiben, und die sie aus ihrer Sicht beantwortet. Vergebung und Verdammnis, Hölle und Auferstehung, Amts- und Abendmahlsverständnis. Profane Dinge wie die Kirchensteuer oder schwarze Legenden einer tendenziösen Geschichtsauffassung spielen bei ihr keine Rolle.

Die Antworten selbst bleiben leider etwas hinter dem hohen Anspruch der Fragestellung zurück. Die Verfasserin spielt gut und offenbar auch gerne fundamentalistische Positionen gegeneinander aus (ihre Erfahrungen damit stammen auch aus den Sozialen Medien und sind wohl für alle, die dort unterwegs sind, ohne weiteres nachvollziehbar), um für sich eine reflektierte Haltung der goldenen Mitte zu reklamieren, die inhaltlich leider etwas zu unbestimmt bleibt.

Statt zu theoretisieren erzählt die Verfasserin aus ihrem spannenden Leben. Die Begebenheiten passen mal mehr, mal weniger zum theologischen Thema. Einigen Topoi hätte eine etwas ausführlichere, dann aber auch abstraktere und von der persönlichen Biographie und Gestimmtheit wegführende Abhandlung gut getan – oder zumindest der Hinweis auf weiterführende Literatur, die für die Autorin selbst hilfreich gewesen ist.

Die sehr persönliche Note des Textes ist schließlich Stärke und Schwäche zugleich: Die Überzeugungskraft des höchstpersönlichen Erfolgs im Glaubenskampf bleibt für Dritte insoweit folgenlos, als Voraussetzungen und Erfahrungen nicht übertragbar sind. Das Wagnis des eigenen Glaubenswegs kann einem andererseits auch niemand abnehmen. Es einzugehen lohnt sich – das zumindest zeigt das Beispiel, das Nina Achminow gibt.

Unterstrichen wird der persönliche Duktus ihrer Bekenntnisschrift von einer Diktion zwischen augenzwinkernder Polemik und vertaulichem Plauderton. Mag sein, dass genau das der Clou ist, dass genau damit die Authentizität der Darlegung beglaubigt werden soll, doch rückt die Autorin mit ihrem Stil sehr nah an den Leser heran. Ob zu nah, ist weniger Glaubens- als vielmehr Geschmackssache.

Heute beantwortet Nina Achminow die Fragen des Glaubens anders als vor dreizehn Jahren, zum Zeitpunkt ihres Austritts. Warum? Was ist passiert? Die für die missionarische Pastoral entscheidende Frage bekommt eine ebenso schlichte wie erhellende Antwort: Beschäftigung mit der Lehre der Kirche und Begleitung durch einen Geistlichen, der da ist, wenn jemand, wie es die Autorin fasst, mit der Kirche sprechen will statt über sie.

Menschen, die an derselben Stelle stehen wie die Autorin vor dreizehn Jahren – Kirche: nein, Gott: ja! – werden in und hinter den Geschichten, die das Buch erzählt, sicher Anregungen finden, um zumindest eine klare Perspektive auf die Kirche zu erlangen (es muss ja nicht gleich der Wiedereintritt sein), einer Institution, deren Lehre in Gänze nur erkennen kann, wer seinen Blick nicht verengt. Insoweit ist Nina Achminow vor allem für eines zu danken: für das gute Stück Aufklärung, das in ihren Erzählungen enthalten ist – Aufklärung über die katholische Weite.

Bibliographische Angaben:

Nina Achminow: Gott – glaube ich. Mein Weg raus aus der Kirche und wieder zurück.
Freiburg i. Br.: Herder 2016.
175 Seiten, € 19,99.
ISBN 9783451375248.

(Josef Bordat)

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