Indigenes Einkaufen

12. Oktober 2016


Ich möchte ein Paar Handschuhe kaufen. In Arequipa. Das liegt im Süden Perus. In einer der idyllischen Ladensträßchen, in der indigene Souvenir- und Textilhändler – unberührt von jeder Zivilisation – ihre typischen Waren feilbieten. Beim romantischen Ethno-Einkauf taucht man für eine Weile noch einmal in die vorkapitalistisch heile Welt friedlicher Kunsthandwerkerinnen ein, die für ihre hochwertigen Produkte Spottpreise verlangen. Die dankbar sind für jeden noch so kleinen Obulus aus den prall gefüllten Taschen des Überflusses. Die sogleich ihre Smartphones und Tablet-Computer zur Seite legen, wenn ein Tourist den Laden betritt.

„Señor!“ Damit bin wohl ich gemeint, in meiner mutmaßlichen Eigenschaft als Tourist. „Hier, schauen Sie. Diese Tischauflage zeigt einen antiken Inka-Kalender. So etwas finden Sie nur bei mir.“ Und in den 17 anderen Läden, setzte ich gedanklich hinzu, ließ mir aber nichts anmerken. „Aha. Ich hätte gerne Hand…“ – „Natürlich! Alles reinste Handarbeit! Was denken Sie, señor?! Hier. Feinste Wolle vom Alpaka aus dem Hochland.“ – „Nein, kein Tischtuch.“ – „80 Soles.“ – „Nein, ich…“ – „75. – Weil Sie es sind, señor!“ – „Also, ich…“ – „Der Kardinal hat eines in seinem Esszimmer.“ – „Wirklich?“ – „Nein, warten Sie, señor, er hat dieses. Es ist etwas größer.“ – „Hm.“ – „520 Soles.“ – „Nein, nein!“ – „Und der Wandteppich hier? Beste Qualität!“ – „Ich weiß nicht.“ – „Hat die Königin von Spanien auch gesagt. Gekauft hat sie ihn am Ende trotzdem.“ – „Die Königin von Spanien?“ – „Schauen Sie, señor!“ – Er zeigt mir eine Fotomontage, auf der Neymar mit einem der Schultertücher aus seinem Laden zu sehen ist, die seither stark nachgefragt seien. 120 Soles. Nur. Nur heute. Nur für mich.

Mein Kopfschütteln interpretiert der pfiffige junge Mann so, als deute ich auf einen Kopfkissenbezug mit einem stilisierten Lama. „Gute Wahl, señor!“ – „Ähm, ja. Das kaufe ich aber nur, wenn John F. Kennedy den gleichen hatte!“ So schnell ließ sich mein neuer Freund nicht aus der Ruhe bringen. Er zog mich verschwörerisch ins Vertrauen. Hier im Laden habe er Kennedys Kopfkissenbezug gerade nicht, aber wenn ich kurz warten wolle, ginge er zur Schwägerin seines Cousins. Die sei mal mit einem der Kennedeys liiert gewesen. „Un momentito.“ Auch, wenn mich die Kennedy-Geschichte aufgrund der recht hohen Wahrscheinlichkeit nur mäßig beeindruckte, gewann der Händler mein Vertrauen.

Ich kaufe, was ich kriegen kann. Alles hochwertige Qualitätshandarbeit. Ich verließ den Laden mit den Strumpfhosen Hitlers, einem handgeklöppelten Laptop-Täschchen, das der nette Verkäufer der Heiligen Katharina von Alexandrien zugeschrieb, der Zahnbürste zweier der Vier Musketiere, einem Umhang, mit dem man fliegen kann (sein Bruder sei nie wieder aufgetaucht), einem Hut aus biologisch angebauten Naturfasern, der unsichtbar macht (manchmal) und einer halben Tonne Steine mit Heilkraft, Wunscherfüllungsgarantie und Fairhandelszertifizierung. Dass sich mit Hilfe eines rötlich schimmernden – dreimal in destilliertes Wasser getaucht – der FC für den europäischen Wettbewerb der kommenden Saison qualifiziert, wurde mir notariell beglaubigt. Den Rasierapparat Jassir Arafats bekam ich gratis dazu.

Was mir jetzt noch fehlt, ist ein Paar Handschuhe. Gehe ich eben morgen noch mal.

(Josef Bordat)

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