Ökumenischer Briefwechsel

13. Oktober 2016


Klaus Mertes und Antje Vollmer im Gespräch

Briefe gehören zu den wichtigsten Quellen. Selten (etwa bei Leibniz) liegt fast das gesamte Werk in Briefform vor, sehr oft ergänzt der Schriftverkehr Bücher und Aufsätze. Briefe offenbaren so manches, das in Fachpublikationen sprachlich verschlüsselt ist, sie sprechen offen an, was sonst mit der methodologisch gebotenen wissenschaftlichen Vorsicht behandelt wird. Oder geben Einblick in fachferne und private Ansichten – immer dann wichtig, wenn kein Tagebuch geführt wurde. Die Analyse von Briefen im Rahmen der historischen Forschung bietet daher einen großen philologischen Erkenntnisgewinn.

Wenn sich nun zwei Personen der Zeitgeschichte schreiben, so ist das weit weniger spektakulär. Dennoch kann diese Form des reflektierten Gesprächs einiges Interessante zu Tage fördern, denn gegenüber dem Interview gewinnt der Briefwechsel an Tiefe, gegenüber der Fachpublikation an Dynamik. Aus der Perspektive des christlichen Glaubens ist ein solcher Austausch besonders gewinnbringend, wenn konfessionsübergreifend aktuelle kirchenpolitische und gesellschaftliche Fragen kompetent behandelt werden. Vielversprechend ist daher die als „Streitschrift für die Einheit der Christen“ angekündigte Herder-Neuerscheinung Ökumene in Zeiten des Terrors, in der Klaus Mertes (katholisch) und Antje Vollmer (evangelisch) miteinander ins Gespräch kommen.

Der Text bewegt sich zwischen interessanten Einblicken in den Alltag zweier guter Bekannter, um nicht „Brieffreunde“ zu sagen, treffenden Analysen zur Gegenwart – der Briefwechsel fand zwischen dem 16. November 2015 und 21. Februar 2016 statt, also unter dem Eindruck von Flüchtlingskrise, Terroranschlägen, der Kölner Silvesternacht und einer daraus resultierenden Verunsicherung der Gesellschaft – sowie eklatanten Missverständnissen. So hält Frau Vollmer die Regeln für den Kommunionempfang offenbar für etwas, das „Menschen sich geben“. So als habe die Kirche die das Sakrament der Eucharistie eingesetzt – und nicht etwa Christus, an ganz zentraler Stelle, in der Nacht vor seinem Kreuzestod.

Ferner ist es sicher nicht zielführend, historische Ausnahmesituationen wie das Konzentrationslager Dachau, in dem konfessionsübergreifend Gottesdienste gehalten wurden, zu zitieren, um damit ganz nebenbei den Druck auf die katholische Seite zu erhöhen, sich endlich zum gemeinsamen Abendmahl durchzuringen. Herr Mertes reagiert darauf verständnisvoll, wie sich ohnehin kaum echte theologische Kontroversen ergeben. Erst auf Seite 97 stellt der Katholik Mertes gegenüber der Protestantin Vollmer fest, man sei jetzt „an einem Punkt, wo Unterschiede sichtbar werden“. Endlich, möchte man als Leser hinzufügen.

Doch keine Angst: Richtig kontrovers wird es nicht. Am Ende überholt Mertes Vollmer gar noch auf der protestantisch-progressistischen Schnellspur, im Kampf gegen „Hierarchie“ und „Männerbünde“ in der Katholischen Kirche, wenn er schreibt, für die Kirche seien „Frauen nicht existent“, oder wenn er meint, sich „schämen“ zu müssen, wenn Papst Benedikt mit Blick auf die EKD nicht „Kirche“, sondern „kirchliche Gemeinschaft“ sagt, wenn er es als „Abweisung“ empfindet, dass bei katholischen Gottesdiensten nur Katholiken zur Kommunion geladen sind. Vollmer darauf: „Beim Lesen ihres letzten Briefes war ich oft sehr froh“. Voilà.

Ökumene in Zeiten des Terrors ist ein munteres Gespräch zweier engagierter Christen – eloquent, hochaktuell, unterhaltsam, das immer dann spannend wird, wenn es aus theologischen Gedanken heraus politische Einschätzungen zu aktuellen Fragen vornimmt. Hier sind beide geübt und kompetent. Um in dem thematisch etwas disparaten Austausch den Überblick nicht zu verlieren, hilft praktischerweise ein „Themenschlüssel“ genanntes Sachverzeichnis. Die Kernfrage jedoch, wozu überhaupt die „Einheit der Christen“ erlangt werden soll, wird bloß funktionalistisch beantwortet (Vollmer: „Wir brauchen diese Ökumene, um der Welt, so wie sie heute ist, besser standhalten zu können“, später ergänzt um die Fähigkeit, „wirklich für den Frieden und die Versöhnung unter den Völkern einzutreten“). Das ist sicher etwas zu wenig, wenn man den Anspruch hat, miteinander und für die gemeinsame Vision der Einen Kirche zu „streiten“ – und sie nicht nur einzufordern.

Bibliographische Angaben:

Klaus Mertes / Antje Vollmer: Ökumene in Zeiten des Terrors. Streitschrift für die Einheit der Christen.
Freiburg i. Br.: Herder 2016.
172 Seiten, € 19,99.
ISBN 9783451375699.

(Josef Bordat)

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