Der Sinn des Lebens

15. Oktober 2016


1. Über den „Sinn des Lebens“ spricht man als Philosoph nicht gerne, auch wenn die Frage danach meist die erste Reaktion ist, wenn man sich in einer gemütlichen Runde als Philosoph zu erkennen gibt. Der Begriff ist zu groß, zu weit, zu hoch für eine tiefschürfende Auseinandersetzung, wie sie von einem Philosophen erwartet werden kann. Wer es trotzdem wagt, sich auf eine Debatte über den Sinn des Lebens einzulassen, geht das Risiko ein, als oberflächlich zu gelten, oder schlimmer: als Küchenphilosoph, dem es nicht um Wahrheit, erst recht nicht um Weisheit, sondern um die Verkaufszahlen seiner Bücher geht. Allenfalls das Schlusskapitel einer Einführung in die Existenzphilosophie darf mit „Der Sinn des Lebens“ überschrieben sein.

Leichter als die Denker tun sich seit jeher die Dichter mit dem Sinntopos. In der Kunst ist die Sinnfrage greifbar. Doch auch hier wird sie ob ihrer Größe gerne ironisiert, gerade auch in der Populärkultur. Die Toten Hosen erwägen in Bayern zwar die Liebe („vielleicht ist da was dran“) und Gott („bleibt ja immer noch“) als mögliche sinnstiftende Instanzen, legen sich dann aber darauf fest, dass es im Leben letztlich nur darauf ankommt, bloß nie einen Vertrag beim FC Bayern München zu unterschreiben. Monty Python gehen in ihrem preisgekrönten Werk The Meaning of Life (1983) verschiedenen Sinnentwürfen im Laufe eines Menschenlebens nach, um am Ende dem Publikum zu raten: „Sei nett zu deinem Nachbarn“. Ein netter Versuch.

2. Wie kann man sich der Sinnfrage analytisch sinnvoll annähern? Zunächst einmal, indem man den Sinn des Lebens und den Sinn im Leben unterscheidet, eine notwendige Differenz, die ich in ihrer ganzen Klarheit erstmals bei Thomas Nagel vorfand, in dessen systematischer Einführung in das philosophische Denken, ein Büchlein, das im Deutschen unter dem Titel Was bedeutet das alles? (1990) erschien. Was bedeutet nun diese Unterscheidung? Mit ihr ist gewonnen, dass wir der großen, der allzu großen Außenperspektive auf unser Sein eine weit kleinere Innenansicht des Daseins beistellen, die einerseits leichter zu fassen ist und die andererseits auch diejenigen anspricht, die das Leben als solches für sinnlos halten. Und die soll es ja auch geben. Betrachten wir also zunächst die Sinndimensionen, die sich im Leben entfalten lassen.

Wer hier Anregungen sucht, sollte eine Buchhandlung betreten und direkt zur Abteilung „Ratgeberliteratur“ gehen. Diese dürfte nicht zu verfehlen sein. Auf hohen Regalen ist hier der Sinn zwischen Buchdeckel gebunden: Gesundheit. Erfolg. Erfolg im Beruf, Erfolg im Privatleben. Ein erfülltes Geschlechtsleben. Meditation für die Mittagspause. Ganzheitlichkeit. Es scheint immer darum zu gehen, dass aus Beschäftigung eine Aufgabe wird, damit aus Spaß Freude und aus Zufriedenheit Glück erwachsen. Sinn im Leben, so könnte man sagen, besteht in dem Übergang des fremdbestimmt-oberflächlichen Funktionierens hin zur Tiefe einer Persönlichkeit, die autonom entfaltet wird. Im Berufsleben und im Privaten.

Oder man geht doch etwas tiefer heran und befragt mit Viktor Emil Frankl einen Autor, der den Sinn zum Therapieprinzip erhob, weil er der Meinung war, die Suche nach Sinn sei eine Aufgabe, der sich der Mensch nicht entziehen kann, ohne am Leben krank zu werden. Der Mensch steht vor der Frage nach dem Sinn, meint Frankl, der im Konzentrationslager die Bedeutung des Logos für den Menschen kennenlernte: Er beobachtete, dass Menschen mit klaren Sinnkonzeptionen höhere Überlebenschancen hatten. Wer ein „Wofür“ im Leben hat, erträgt fast jedes „Wie“, so lautet daraufhin die an Friedrich Nietzsche angelehnte teleologische Prämisse der psychologischen Anthropologie Frankls, auf der seine Logotherapie basiert.

Der Sinn wird dabei zum Zweck funktionalisiert. Diese Reduktion ist therapeutisch sinnvoll und zweckdienlich, führt philosophisch jedoch in die falsche Richtung. Hier soll ja ein Prinzip an den Anfang gestellt werden, aus dem sich Sinn ergibt. Gesucht ist ein „Warum“, ein Grund, auf dem der Sinn gebaut wird. Gefunden wird er in der Moral. Für Kant besteht der Sinn im Leben in einem Leben „aus Pflicht“. Wer seine (moralische) Pflicht erfüllt, wer also dem Kategorischen Imperativ folgt, lebt sinnvoll. Ohnehin verknüpft die Philosophie den Sinn mit der Moral. Sinn wird so zu einem Begriff der Ethik. Die subjektive Befindlichkeit des Individuums wird normativ überformt. Schon in der Antike war die positive Antwort auf die Frage „Geht es Dir gut?“ eine mit moralischer Konnotation: „Ja, ich handle gut!“. Und das gute Handeln ist abhängig vom Begriff des Guten. Und den umkreist die Moral.

3. Bei all dem besteht die Krux nun gerade darin, dass in der Überführung der Sinnfrage vom Sein ins Dasein die Verlagerung aller Wünsche und Hoffnungen ins irdische Leben angelegt ist. Das führt in der persönlichen Sinnsuche potenziell zum dem, was Karl Jaspers als „Lebensgier“ bezeichnet hat – das unbedingte und ungezügelte Streben nach sinnerfülltem Leben hier und jetzt. Dann jagt ein „Event“ das nächste, ein „Erlebnis“ das andere. Und alles muss perfekt sein in diesem Aktionismus. Was sich nicht in 80 Jahre pressen lässt, wird als schmerzlicher Verlust empfunden. Auch die Moral ist davon betroffen: Sie wird von einer Ethik bestimmt, die zur Geschichtsphilosophie aufgebläht wurde, in der am Ende jeder für alles verantwortlich ist bzw. gemacht werden kann. So wird die Überforderung immer spürbarer. Und darum nimmt die „Ratgeberliteratur“ in Buchhandlungen so viel Platz ein.

4. Wer auf der Suche nach dem Sinn irgendwann nach dem Sinn der Suche fragt, verlässt bereits die Ebene des Daseins und beginnt mit der Selbsttranszendierung, ebenfalls ein Konzept der Existenzphilosophie Karl Jaspers‘. Was soll das alles? Was soll das alles, wenn wir doch in absehbarer Zeit sterben? Was bleibt? Die Verknüpfung von Sinn und Zeit führt einerseits zur Frustration, denn die Vergänglichkeit lässt alles Tun sinnlos erscheinen, andererseits ist Endlichkeit gerade die Bedingung dafür, dass unser Handeln überhaupt sinnvoll sein kann. Unendlichkeit würde alles Tun von vorne herein sinnlos machen. Die stete Wiederholbarkeit führte ganz konkret zur „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ (so sah Nietzsche die Geschichte) und damit zum Ende jeder Motivation, etwas in Angriff zu nehmen, dass über Existenzsicherung hinausgeht. Die Kultur, die man schaffen könnte, würde ja – von einem selbst – unendlich oft reproduziert werden. Wer würde sich noch auf eine Prüfung vorbereiten, die er unendlich oft wiederholen könnte? Wer würde sich noch über ein spätes Tor im Weltmeisterschaftsfinale freuen, wenn er doch wüsste, ein solches noch unendlich oft sehen zu können?

Wir erkennen, dass einer der Haupteinwände gegen den Sinn des Lebens, nämlich dessen Endlichkeit, nicht verfängt, im Gegenteil: dass Endlichkeit regelrecht zu einer Triebfeder für den Sinn im Leben wird. Man will etwas hinterlassen – und dies bereits hier und jetzt wissen. Man bemüht sich, um einst retrospektiv erkennen zu können, dass man das Leben insgesamt mit Sinn erfüllen konnte. Leben heißt Erinnerung schaffen. Das kann Sinn geben, Sinn im Leben. Hier und jetzt. Man blickt dazu auf und erweitert den Horizont. In Sichtweite kommt nicht nur das eigene Leben, sondern auch die Anderen, die Familie, vielleicht die Partei, der Verein, das Land, in dem man lebt, die Wissenschaft, kommende Generationen. Manchmal auch die Kirche.

5. Doch das ist noch nicht das, was im christlichen Sinne der Sinn ist. Sich etwa in den Dienst der Kirche zu stellen und damit das Leben zu einem sinnvollen zu machen, steht noch ganz im Paradigma der Selbsttranszendierung. Religion als Beziehung zu Gott ist jedoch nicht Selbsttranzendierung, sondern Transzendenzbezug. Das ist ein Unterschied, weil der Sinn nicht mehr vom Menschen, sondern von Gott her gedacht wird. Gott gibt dem Leben des Menschen einen Sinn – unabhängig vom Sinn im Leben. Das ist es, was Jesus uns sagen will, wenn Er den Vater in Seiner Wertschätzung für den Menschen zeigt (Mt 6, 25-34), wenn Er uns sagt, worauf es im Leben wirklich ankommt (Mt 16, 24-25). Gerade heute, wo das „lebenswerte“ Leben neu definiert wird, und zwar mit verengtem Blick ausschließlich auf den Sinn im Leben, unter Absehung vom Sinn des Lebens, ist diese Perspektive so unendlich wert- und sinnvoll. Denn nur so bleiben Krankheit, Behinderung und Leid aufgehoben in der Sinnfrage, bleibt Sinn zugänglich für Kranke, Behinderte und Leidende – und hilft dem Menschen in der Dimension des Trostes, mit Krankheit, Behinderung und Leid zu leben.

Der Sinn des Lebens, der sich im Leben wiederfinden lassen muss, kann gerade auch das Kreuz bedeuten, in der Nachfolge Christi. Das Leben des Märtyrers etwa ist insoweit nicht sinnlos, wenn wir die Hoffnung haben, dass Gott unser Leben einem Sinn zuführt, der uns im Leben noch verborgen ist, sich aber gerade in der Hoffnung wider aller offenkundigen Sinn- und Zwecklosigkeit zeigt und sich besonders angesichts solch kraftvoller Zeichen wie dem Martyrium erahnen lässt.

6. Wer den Sinn des Lebens finden will, kommt an Gott nicht vorbei. So oder so. Denn: Die Gottesfrage zielt auf eine unser Dasein übersteigende Sinndimension des Seins, eines absoluten Seins, von dem wir ontologisch annehmen können, das es den Sinn in sich trägt, ihn also nicht erst suchen muss, wie wir, in unserem relationalen Dasein. Diese Dimension bleibt auch in der ernsthaften Negation erhalten, insoweit diese eben ernsthaft Bezug nimmt auf ein Gottesbild, das nicht nur eine Karikatur des Gottesglaubens ist, sondern in dem der Gottesbegriff gültig und erkennbar bleibt. Dann nehmen Glaube und Unglaube gemeinsam Bezug auf Gott. Ohne Gott wäre der Glaube, aber auch der Atheismus sinnlos. Gott gibt beiden Optionen Sinn.

Die Entscheidung für oder gegen den Glauben legt jedoch fest, ob es neben dem Sinn im Leben, neben dem Dasein, noch einen Sinn des Lebens gibt, der das Sein betrifft. Wer nicht an Gott glaubt und insoweit die Lebenszeit als den einzig möglichen Raum betrachtet, den es mit Sinn zu füllen gilt, läuft Gefahr, sich in „Lebensgier“ zu ergehen und sich in der Angestrengtheit der Sinnsuche zu verzetteln – und dadurch den Sinn zu verfehlen. Oft führt diese Verausgabung des Einzelnen zur Übertragung des Sinnskonzepts auf ein Kollektiv, das eine Idee voranzutreiben vorgibt, die Sinn verspricht, Sinn über den Tag hinaus. Dafür, dass diese Übertragung des Logos des Lebens auf die Ideologie, den Logos der Idee, nicht wirklich funktioniert, gibt es zahlreiche historische Beispiele. Dennoch ist das ein ganz aktuelles Phänomen. Es stellt sich ja die Frage, warum junge Männer aus England, Deutschland, Frankreich, warum Söhne wohlhabender Akademikereltern in den Dschihad ziehen. Der Glaube an Gott ist sicher nicht der Grund, eher schon der Glaube daran, die frustrierende Empfindung der eigenen Sinnlosigkeit sei im Kampf für „höhere Ideen“ (gleich welchen Inhalts) zu überwinden.

Wer hingegen wirklich an Gott glaubt, und damit an einen Sinn außerhalb dessen, was sich durch uns auf der Welt realisieren lässt, wird an die Sinnfrage entspannter herangehen. Für ihn ergibt sich aus der Tatsache des unveräußerlichen Lebenssinns eines jeden Menschen eine Gelassenheit, die darin besteht, das Leben zu lassen, also das, worum es den meisten Menschen geht, gering zu schätzen. Jesus macht dieses Lassen zur Voraussetzung der Nachfolge. Wer in Gott den Sinn des Lebens sieht, kann den Sinn im Leben nicht an etwas hängen, das Gott widerspricht. Im Gegenteil: Der Sinn des Lebens (also: Gott), macht dem Sinn im Leben unhintergehbare Vorgaben, die wiederum zurückverweisen auf den philosophischen Grund des Sinns, die Moral.

7. Im christlichen Glauben wird uns bewusst: Gott ist der Sinn. In Jesus Christus wird dies offenbar. Und zwar ganz im Sinne des Wortes: Logos. Der in die Welt gesandte Logos in Gestalt des Wortes, das Fleisch wird, der Botschaft, die zu uns gelangt und des Gebotes, das sich in der Liebe und in der Heilstat zeigt, ist der personalisierte Sinn, der für die persönliche Sinnsuche des Christen Grund und Zweck, Start und Ziel bedeutet. Als „gekreuzigter Sinn“ (Werner Thiede) stiftet Christus auch für uns Sinn angesichts unseres Kreuzes. Damit ist Sinn etwas anderes als Glück, Erfolg, Gesundheit, Ansehen, Reichtum. Der Sinn des Lebens erschöpft sich nicht in einem sinnvollen Leben, in der Suche nach Sinn im Leben, sei diese auch noch so anregend und erfolgreich. Der Sinn des Lebens entzieht sich dem Leben, bleibt ihm äußerlich, lässt sich aber in ihm erahnen. Sinn verhält sich also zum Leben wie Gott zur Welt. Insoweit kann der Sinn aus Sicht des irdischen Lebens getrost mit Gott identifiziert werden.

(Josef Bordat)

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