Christentum und Islam

17. Oktober 2016


Oder: Warum Hingabe etwas anderes ist als Unterwerfung

Die Forderung nach staatlicher Neutralität in Religionsangelegenheiten umfasst auch bei uns immer öfter und immer deutlicher die laizistische Tendenz einer strikten Trennung von Staat und Kirche einerseits und andererseits den Wunsch nach einer Gleichbehandlung aller Religionen (einschließlich ihrer Persiflierungsformen). Das ist jedoch nur scheinbar ein in preußisch-aufgeklärter Tradition stehendes aufrichtiges Bemühen um Gerechtigkeit gegenüber jedwedem Glaubensbekenntnis, sondern vor allem ein Schlag gegen das Christentum.

Um dieses zu schwächen, ist man bereit, alle anderen Religionen (auch dann, wenn man sie gar nicht kennt) aufzuwerten. Dahinter steht die (be)kenntnislose Behauptung der gleichen Gültigkeit religiöser Überzeugungen – gemeint ist: die Behauptung ihrer Ungültigkeit. Sie ist der Gleichgültigkeit gegenüber dem Religiösen geschuldet – und soll diese weiter in den Menschen verankern. Die Rede von Neutralität wird so zu einem trickreichen Sprachspiel, das einen einzigen Gegner hat: das Christentum.

Übertreibe ich? Vielleicht. Doch wenn ich mir anschaue, wie etwa der Islam hoffähig gemacht wird, nämlich nicht mit Verweis auf seine eigene Qualität für unsere Gesellschaft (dazu gäbe es auch nur sehr wenig zu sagen), sondern vor allem mit der Bemerkung, das Christentum sei in Sachen Gewaltbereitschaft, Frauenverachtung, Freiheitsunterdrückung, Fortschrittsfeindlichkeit und Demokratiedefizit auch nicht besser, dann bin ich alarmiert. Die folgerichtige (ex falso quodlibet!) Frage lautet dann: Wenn wir nun dieses Christentum seit Jahrhunderten (immer noch) unter uns dulden, warum dann jenen Islam in Zukunft nicht?

Die Antwort, die bei der nur rudimentär informierten Bevölkerung auf diese Weise provoziert werden soll, lautet freilich: Dann doch am besten keines von beidem – weder Islam noch Christentum! Dass sich so etwas nur mit jenem vollständig undifferenzierten Begriff von Religion durchhalten, wie er in der Neutralitätsdebatte unterstellt wird und somit allmählich Deutungshoheit erlangt (Religion als Gegenbegriff zu Vernunft, Moderne, Fortschritt, etc.), ist eine Tatsache, die nur noch selten problematisiert wird.

Fatalerweise werden gutmeinende Theologen, die eifrig auf die Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam hinweisen, unter diesen Bedingungen allgemeiner Uninformiertheit zu Steigbügelhaltern einer religionsfeindlichen Gesellschaft, die sich in ihrem Pauschalurteil bestätigt fühlt: Selbst die, die es besser wissen (sollten), sagen, dass im Grunde alles gleich ist. So kommt das an, wenn man sagt: „Wir beten alle zum gleichen Gott.“

Also: Man muss die Differenzen kennen, auch die im Gottesbegriff, aus dem sich die anderen Differenzen ableiten. Und man muss sie benennen. Sehr schön herausgearbeitet hat diese Differenzen die Religionsphilosophin Beate Beckmann-Zöller. Überzeugend unterscheidet sie zwischen Hingabe und Unterwerfung (so auch der Titel ihrer Schrift), zwischen Kind Gottes und Diener Allahs, zwischen Liebe und Herrschaft, zwischen Barmherzigkeit und Gehorsam, zwischen Problematisierung und Instrumentalisierung von Gewalt, zwischen der Frau als Person und der Frau als Sache, zwischen Ermöglichung von Freiheit und ihrer Unterbindung, kurz: zwischen Christentum und Islam. Die Differenz ist kenntnisreich dargestellt und solide belegt.

Beate Beckmann-Zöller schreibt aus christlicher Sicht, was sie aber nicht unkritisch gegenüber der Institution Kirche macht (bisweilen nimmt sie unnötig antiklerikale Stereotype affirmativ auf). Die Autorin gehört der Gemeinschaft Immanuel an und engagiert sich in der charismatischen Erneuerungsbewegung der Katholischen Kirche. Sie bedient sich einer (für diese wohl typischen) untheologischen Sprache, die das Evangelium jener religionsfernen Gesellschaft, von der ich eingangs sprach, neu vermitteln will. Das ist sicher löblich, die Diktion allerdings gewöhnungsbedürftig – mal angenehm und frisch, mal missverständlich, mit der Tendenz zur Anstößigkeit.

Denn es ist fragwürdig, ob eingedenk der sicher nicht ganz unberechtigten Kritik an einer abstrakten theologischen Sprache, in der „Jesus“ nicht vorkomme, nun im Gegenzug eine Sprachgebung gewählt werden sollte, die jene substanziell gehaltvolle Deutung, die im Wort „Christus“ mitschwingt, um einer scheinbar besseren Verstehbarkeit willen systematisch unterläuft und damit die Gefahr in sich trägt, die Darstellung sprachlich auf das Niveau einer Kinderkatechese abzusenken („Jesus im eucharistischen Brot“). Das ist spätestens dann nicht mehr nur ein abstraktes fundamentaltheologisches, sondern auch ein praktisches pastorales Problem.

Doch das ist nur ein winziger Wermutstropfen in dem randvoll eingeschenkten Kelch reinen Weines hinsichtlich der zu oft verschleierten oder schlicht übersehenen Differenzen von Christentum und Islam. Beate Beckmann-Zöller fordert uns zu nichts weniger auf als zur Unterscheidung der Geister – und unterstützt uns dabei ganz hervorragend.

Bibliographische Angaben:

Beate Beckmann-Zöller: Die befreiende Botschaft Christi in der Begegnung mit dem Islam.
Hannoversch Münden: GGE-Verlag 2016.
72 Seiten, € 3,95.
ISBN 9783981834000.

(Josef Bordat)

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