Hoffnung

19. Oktober 2016


Gerhard Kardinal Müller rückt die Botschaft der Hoffnung in den Mittelpunkt.

Die Frage nach der Hoffnung begegnete den ersten Christen wohl öfter, so dass Petrus sie ermutigt, jedem Rede und Antwort zu stehen, der sie nach ihrer Hoffnung fragt. Offenbar lässt sich Hoffnung erkennen, als Lebenshaltung des Christen, macht neugierig und beeindruckt in turbulenten Zeiten. Schließlich ist sie – neben Glaube und Liebe – eine der drei christlichen Tugenden. Gerhard Kardinal Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, rückt sie daher völlig zu Recht ins Zentrum seiner Gedanken zur christlichen Botschaft, die er im Gespräch mit Carlos Granados entfaltet.

Kardinal Müller zeigt, wie das Christentum auf der Hoffnung basiert, wie andere Schlüsselkonzepte von ihr abhängen, etwa die Wahrheit („Hoffnungslosigkeit geht immer mit einer Eintrübung der Wahrheit einher“, S. 18). Sie ist zudem geistige Grundlage der Offenheit für den Dialog mit Andersgläubigen, den Kardinal Müller zur Befriedung einer multikulturellen Gesellschaft zu führen empfiehlt – als Gegenkonzept zum Laizismus, den er als „aggressive Reaktion auf das Phänomen der Religion“ (S. 65) versteht und daher ablehnt.

Hoffnung zu haben bedeute nicht, so betont Müller, über die Probleme der Welt hinwegzusehen, sondern sie im Licht des Evangeliums anders zu deuten. In diesem Sinne gelte: „Der Christ war, ist und bleibt ein Mensch mit einer Leidenschaft für das Weltliche; er möchte mit Christus zusammenarbeiten, um die Welt zu ihrer Fülle in Gott zu führen“ (S. 57). Hoffnung zu haben bedeute auch nicht allein, über hinreichend Motivation zur Erreichung gesteckter Ziele zu verfügen (so etwa die Stoa), sondern davon auszugehen, „dass wir mit göttlicher Unterstützung rechnen können, um unser Ziel zu erreichen“ (S. 29). Hoffnung zu haben bedeute in der Summe, „einen Weg in Richtung Zukunft“ zu ermöglichen, trotz „Bedrohungen, die Angst machen“ (S. 7).

Freilich geht ein fast 300 Seiten starkes Buch über eine Begriffsbestimmung hinaus. Das Gespräch streift viele theologische, ekklesiologische und gesellschaftliche Fragen. Es geht dabei von innen nach außen, von der biblischen Botschaft der Hoffnung über die Frage, was der Christ von der Kirche erhoffen darf bis hin zum Hoffnungskonzept in Familie und Gesellschaft. Übergreifend (und passend zum Heiligen Jahr) wird die Barmherzigkeit als Schlüssel der Hoffnung vorgestellt, nicht, weil der Mensch mit ihr auf eine „Relativierung der Gebote Gottes“ hoffen dürfe (S. 270), sondern weil er aus ihr Vergebung seiner Sünden erfahre, was „eine reale, radikale Verwandlung“ bewirke, „von einem dunklen Leben ohne Gott zum strahlenden Zustand der heiligmachenden Gnade und zur vollen Gemeinschaft mit Ihm“ (S. 261).

In dem sehr umfangreichen Kapitel zur Kirche nimmt Kardinal Müller Stellung zu vielen Fragen, deren lehramtliche Antworten bei einigen Christen die Hoffnung getrübt haben. Der Hüter der Glaubenslehre erläutert den Standpunkt der Kirche zu „Knackpunkten“ im ökumenischen Gespräch, also zum Sakramentsverständnis, insbesondere zu den Voraussetzungen für den Kommunionempfang, sowie zum Amtsverständnis, vor allem zur Rolle des Papstes und der Bischöfe, und verteidigt ihre Haltung zu medial virulenten Skandalthemen wie dem Zölibat, dem Frauenpriestertum und der Homosexualität. Die biblisch fundierte, so behutsame wie vernünftige Argumentation Müllers macht Hoffnung auf ein breiteres Verständnis dieser Haltung – innerhalb und außerhalb der Kirche.

Hoffnung ist nicht allein etwas für Christen, jeder Mensch braucht Hoffnung. Auch, wenn Kardinal Müller das Gegenbild zum christlichen Hoffnungsträger – der moderne, gottlose Mensch als hoffnungs- und perspektivloser Nihillist, der in seiner quasireligiösen Vergnügungssucht den Sinn des Lebens verfehlt – etwas sehr schematisch skizziert, erkennt er das Defizit an echter Hoffnung, unter dem viele Menschen heute leiden, völlig richtig. Das Buch kommt also zur rechten Zeit. Dass es gerade auch von denen wahrgenommen wird, die sich sonst von der Kirche nichts sagen lassen, das bleibt – zu hoffen.

Bibliographische Angaben:

Gerhard Kardinal Müller: Die Botschaft der Hoffnung. Gedanken über den Kern der christlichen Botschaft.
Freiburg i. Br.: Herder 2016.
280 Seiten, € 24,99.
ISBN 9783451388880.

(Josef Bordat)

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