Luthers Super-Ablass zum Nulltarif

24. Oktober 2016


Christiane Laudage über Ablasswesen und Ablasshandel – und Luther

Hexen, Inquisition, Kreuzzüge, Dreißigjähriger Krieg, Pius XII. – es ist der historischen Forschung zu verdanken, dass wir zu den „heißen Eisen“ der Kirchengeschichte mittlerweile ein etwas kühleres Verhältnis haben. Denn, dass die Fakten kaum mithalten mit der blühenden Phantasie antiklerikaler Deutungsmacht aus der Feder tendenziöser Publizistik, das haben für den deutschen Sprachraum in den letzten Jahren Wissenschaftler und Autoren wie Behringer, Hesemann, Burkhardt, Angenendt und Zander gezeigt.

Die Historikerin Christiane Laudage reiht sich in diese Phalanx von Autoren ein, die keine Apologetik betreiben, sondern geschichtswissenschaftliche Quellenstudien bzw. Deren seriöse publizistische Rezeption in divulgativer Absicht. Wie die anderen genannten Autoren klärt sie auf über Mythen und Legenden, Fakten und Zusammenhänge. Ihr Thema ist der Ablass. Sie zeigt uns, wie das Ablasswesen entstand, welche theologische Bedeutung und welchen praktischen Wert es hatte, wie es im Handel mit Ablassbriefen zur Finanzierung von Bankverbindlichkeiten und Investionen korrumpiert wurde und wodurch die Kritik daran schließlich die Reformation auslöste, in ein neues Verständnis von Sünde, Buße, Rechtfertigung und Erlösung mündend: das Evangelium ist der eigentliche Ablass und Gott vergibt dem reuigen Sünder ohne Gegengabe.

So hat der Reformator Martin Luther, wie Laudage mit Kardinal Bellarmin festellt, den umfassendsten Ablass überhaupt kreiert: dem Menschen sei alle Schuld, alle Strafe allein aus Glauben (ohne Werke der Buße) erlassen, ein Super-Ablass zum Nulltarif, den Luther seiner Zeit und der Nachwelt anbietet. In der Tat hatte Luther gar nicht die Abschaffung, sondern nur die Reform des Ablasswesens im Auge, dergestalt, dass er neben den fundamentaltheologischen Anmerkungen etwa einen moderateren Predigtstil empfahl. Dazu setze er sich u.a. mit einem der wichtigsten Vertreter der Ablasspredigt auseinander, dem Pirnaer Dominikaner Johann Tetzel, der Luthers 95 Thesen von 1517, in denen es vor allem um die Ablasstheologie geht, im Januar 1518 mit 106 eigenen Thesen konterte. Laudage zeichnet diese Auseinandersetzung ebenso nach wie die Luthers mit Rom.

Im Ergebnis stellt sie fest, dass Luther Ablässe für „verzichtbar“ hielt, ohne damit einen großen Bruch auszulösen: „Denn die ungeheure Dynamik im Ablasswesen, wie sie sich in einem immer größeren Gnadenangebot oder einer seelsorgerischen Offensive bei der Verkündigung manifestierte, fand in der reformatorischen Theologie unter anderen Vorzeichen seine Fortsetzung, die Innovationskräfte wurden aufgenommen und revolutionär umgestaltet.“ Der Ablass ist damit eine pastorale Praxis, die auch heute noch Möglichkeiten eröffnet – gleichwohl er nicht den Kern der Versöhnung mit Gott und den Menschen bildet. Schon gar nicht kann diese Versöhnung käuflich erworben werden. Aber das war eigentlich immer schon klar: Kaufen konnte man sich auch im „finstersten Mittelalter“ sein Seelenheil nicht, zumindest nicht in der Kirche.

Christiane Laudage legt eine übersichtliche, historisch geordnete Darstellung des Ablasswesens von dessen Vorläufern in der frühchristlichen Bußpraxis des 1. Jahrhunderts bis zur Reformation im 16. Jahrhundert vor, die trotz der Weite des Themas kompakt und verständlich ist. Zeittafel und Register machen die Abhandlung zu einem Lehr- und Nachschlagewerk, in dem mit schwarz-weiß Abbildungen und zahlreichen Blockzitaten eine um Auflockerung bemühte Darstellungsweise des hochinteressanten, gleichwohl nicht ganz leichten kirchenhistorischen Themas gewählt wird.

Bibliographische Angaben:

Christiane Laudage: Das Geschäft mit der Sünde. Ablass und Ablasswesen im Mittelalter.
Freiburg i. Br.: Herder 2016.
352 Seiten, € 24,99.
ISBN 978-3-451-31598-5.

(Josef Bordat)

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