Sklaverei

26. Oktober 2016


In der heutigen Lesung aus dem Epheserbrief geht der Apostel Paulus auch auf das Thema Sklaverei ein. Er schreibt der Gemeinde in Ephesus dazu folgendes: „Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann“ (Eph 6, 5-8). Und den Sklavenhaltern sagt er: „Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person“ (Eph 6, 9).

Das ist nicht gerade ein Aufruf zur Revolution, wie man es vielleicht im Sinne Jesu hätte erwarten können. Es ist eher eine Bestätigung des gesellschaftlichen Status quo – gleichwohl unter anderen Bedingungen des Umgangs miteinander. Natürlich kann man das aus heutiger Sicht kritisieren. Warum nur eine Veränderung der Einstellung des Sklaven zur Sklaverei (und des Herren zur Herrschaft) im System, warum nicht ein flammender Appell zur Abschaffung der Sklaverei überhaupt? Dazu sollte man zweierlei beachten.

1. Sklaverei war damals normal. Nicht nur in Ephesus, sondern weltweit. Der Philosoph Aristoteles erfasst das System antiker Arbeit wie folgt (mal ganz salopp zusammengefasst): Der entscheidende Unterschied zwischen Mensch und Tier ist die Vernunft. Es gibt nun Menschen, die sind einfach nicht ganz so schlau, stehen also irgendwo zwischen Mensch und Tier. Diese „Sklaven von Natur“ (die also immer schon für die Sklavenarbeit vorgesehen waren und nicht erst von der Gesellschaft dazu gemacht wurden) können am Ende froh sein, als Sklaven wenigstens eine sinnvolle Aufgabe zu erhalten (Aristoteles spricht von „Werkzeugen“), und zwar von denen, die den Über- und Durchblick haben. Die große Mehrheit der Menschen gehörte damals in diese Kategorie. – Nota bene: Wenn wir heute von der Athener Demokratie schwärmen oder antike Autoren lesen, die von der Freiheit fabulieren, dann müssen wir daran denken, dass wir hier von den „lucky few“ sprechen, die sich dem System entziehen konnten. Die Slaverei war ansonsten allgegenwärtig und trug die Gesellschaft, so wie dies heute die Funktion der abhängigen Erwerbstätigkeit für Lohn und Gehalt ist.

2. Es ist gerade das von Paulus entfaltete christliche Menschenbild der gleichen Würde aller Menschen vor Gott, das schließlich tatsächlich zum Ende der Sklaverei führt, nicht Revolutionen à la Spartakus oder Marx. Es sind im 18. Jahrhundert eben auch nicht die großen Aufklärer (die ansonsten sehr viel zur Befreiung der Bürger Europas beitrugen), die den Sklaven zur Seite springen (im Gegenteil: sie verfestigen die Sklaverei durch rassistische Rechtfertigung), sondern es sind Christen aus England und den USA, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten. Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf, die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert. Einzig in der vom Christentum geprägten Kultur konnte die Sklaverei abgeschafft werden, denn nur im Christentum stellt sie überhaupt ein religiöses und moralisches Problem dar, eben weil alle Menschen im christlichen Verständnis vor Gott gleich sind. Mit Jesus kommt der Gedanke in die Welt, dass Gott alle Menschen liebt. Alle Menschen sind von Christus zur Freiheit befreit worden (vgl. Gal 5, 1). Zudem gilt: Vor Gott sind alle Menschen gleich (vgl. Eph 6, 9, aber auch Röm 2, 11), ein Sklave bedeutet ihm soviel wie sein Herr. Damit wird der Grundstein gelegt für eine Mentalitätsänderung, aus der heraus Freiheit und Gleichheit politische Forderungen werden konnten.

Mit der Abschaffung der Sklaverei in England (1807) und in den USA (1865) waren wichtige Schritte zur Abschaffung der Sklaverei überhaupt getan. Doch auch in unserer Welt heute leben Menschen als Sklaven – de facto, seltener auch de iure. Zu denken ist an Kinderarbeit in Lateinamerika, Zwangsprostitution in Europa, gesundheitsgefährdende Tätigkeiten in südafrikanischen Goldminen und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in den Exportproduktionszonen Südostasiens, in denen u. a. unsere Turnschuhe gefertigt werden. Zu denken ist aber auch an die Christen und Jesiden, die in unseren Tagen vom so genannten „Islamischen Staat“ als Sklaven gehalten werden. Wir sollten darauf hinarbeiten – und die Kirche tut dies mit all ihrer Kraft über ihre großen Hilfswerke (Missio, Adveniat, Misereor), aber auch in vielen „kleinen“ Projekten und Aktionen -, dass Sklaverei und sklavereiähnliche Arbeits- und Lebensbedingungen abgeschafft werden. Weltweit. Dafür muss man nicht katholisch sein, das kann jeder. Es beginnt mit der Frage: „Wer muss eigentlich für die Befriedigung meiner Bedürfnisse unter welchen Bedingungen arbeiten?“.

(Josef Bordat)

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