Luther als Leitbild

27. Oktober 2016


Eugen Drewermann über den Reformator.

Zum Lutherjahr 2017 werden zahlreiche Bücher erscheinen – zum Teil sind sie es schon. Motto: Es ist zwar bereits alles gesagt worden, aber noch nicht von allen. Auch noch nicht von Eugen Drewermann, dem „Lutherkenner“ (Herder-Verlag). Im Gespräch mit Jürgen Hoeren entfaltet er sein kenntnis- und aspektenreiches Bild des Reformators, das ihn zudem als ausgesprochenen „Lutherfreund“ kennzeichnet. Martin Luther habe der Kirche auch heute noch einiges zu sagen, so die Kernbotschaft Drewermanns.

Die Lösung für die Zukunft der Katholischen Kirche sieht Drewermann denn auch in einer weitestgehenden Protestantisierung. Wenn sie wird, wie Luther das wollte, wird alles gut. Sonst nicht. Dass die Kirche (an den Katholiken vorbei) partout an den Sakramenten und an Maria festhalte, sieht Drewermann als Verrat am Zweiten Vatikanischen Konzil, dessen Dokumente er insoweit nicht gut zu kennen scheint.

Völlig verdrewermannt ist zudem die Annahme, die katholische Lehre fuße allein darauf, was von „irgendeiner fernen und fremden Instanz jenseits der Alpen“ bestimmt werde – und nicht auf dem in der Bibel entfalteten Willen Gottes. An solchen systematisch grundfalschen Einschätzungen scheitert wohl jedes ökumenische Gespräch, dessen Ziel nicht die Auflösung der Katholischen Kirche ist.

Zu Luthers Leben und Lehre macht Drewermann theologische und psychoanalytische Anmerkungen, die in sich stimmig sind. Luthers negatives Menschenbild, das mit der Naturrechtstradition katholischer Anthropologie und Ethik bricht, hat biographische Wurzeln und theologische Folgen: sola fide, sola gratia, sola scriptura. Überzeugend interpretiert Drewermann das dreimalige „Allein“ als Konsequenz der Erschütterung Luthers angesichts der von ihm so empfundenen Heuchelei und der Ablenkung durch Äußerlichkeiten, auf die sich die römische Kirche im Spätmittelalter mehr und mehr zu beschränken schien.

Drewermann erinnert zu Recht daran, dass die dreifach fundierte Neuausrichtung reformatorischer Theologie nur dann ernsthaft zur Verkündigung des Glaubens befähige, wenn sie an der reinen Lehre Luthers festhalte. Andernfalls drohe der Protestantismus auf das Niveau einer kraftlosen Vermittlung von „eigentlich nur noch humane[n] Selbstverständlichkeiten“ herabzusinken, was zu einer „Banalisierung des Christlichen“ führe. Eine treffende Analyse des Problems der Evangelischen Kirche in der Gegenwart.

Bisweilen stößt man aber auch auf eine ziemlich verzerrte Wahrnehmung der Geschichte der  Katholischen Kirche. So sei sie es, die nach Ansicht Drewermanns 1500 Jahre lang „Spannungen zementiert“ habe, auf die Luther nur reagierte – „stellvertretend für eine ganze Zeit“. Tragischerweise führte das Streben nach Einheit, das Drewermann bei Luther diagnostiziert, aber gerade zu jener „Zerspaltenheit“, die der Reformator „gefühlt, durchlitten und auf seine Weise zu artikulieren und zu überwinden unternommen“ habe. Für Drewermann jedoch gilt: Nicht der Reformator verursachte die Kirchenspaltung, sondern die Kirche selbst.

Zu diesen fragwürdigen Interpretationen treten forsche Behauptungen. Nach der Toleranz gefragt, meint Drewermann, diese habe es im Christentum vor Luther nicht gegeben (ja, nicht einmal den Begriff) . Damit übersieht er freilich, dass es das antike und frühmittelalterliche Christentum war, dass aus der römischen tolerantia als Duldung widriger Umstände eine Tugend zwischenmenschlicher Beziehung machte. Da Drewermann „zu den bekanntesten Theologen der Gegenwart“ (Herder-Verlag) zählt, ist schwerlich einzusehen, warum er diese Tatsache nicht berücksichtigt, wenn man die Antwort nicht als komplett interessengeleitet begreifen möchte. Wie dem auch sei: Die christliche Ideengeschichte des Toleranzbegriffs derart ignoriert zu sehen, enttäuscht doch sehr.

Insgesamt handelt es sich bei „Luther wollte mehr“ um eine tiefgründige und kompetente Erläuterung der Theologie Luthers, allerdings mit sachlichen Schwächen im Detail und tendenziösen Schlussfolgerungen, gerade auch im Hinblick auf die Kirche der Gegenwart und Zukunft.

Bibliographische Angaben:

Eugen Drewermann: „Luther wollte mehr“. Der Reformator und sein Glaube.
Freiburg i. Br.: Herder 2016.
320 Seiten, € 19,99.
ISBN 978-3-451-37566-8.

(Josef Bordat)

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