Reformationstag

31. Oktober 2016


Da heute nicht ganz so schönes Wetter ist wie im vergangenen Jahr und da der Kalender außerdem heute nicht Sonn-, sondern Werktag verkündet, möchte ich mich vor der Arbeit diesmal nicht drücken und zumindest einige Bemerkungen zum Tage machen.

Einige scheinen ja zu meinen: Erst, wenn die Katholische Kirche protestantisiert und dann protestantisch geworden ist, hat der Protestantismus keinen Anlass mehr zu protestieren – und alles wird gut. So funktioniert Ökumene aber nicht. Die Einheit kann nur durch unaufhörliche theologische Arbeit gewonnen, nicht jedoch proklamiert oder gar aus der Praxis heraus erzwungen werden. Und es gibt nun mal weiterhin unüberwundene Differenzen, die die Liturgie (Abendmahl / Eucharistie), das Kirchenbild (Amt und Sukzession) und das Sakramentsverständnis (etwa Priesterweihe und Ehe betreffend) berühren. Ich sage: unüberwunden, nicht unüberwindlich. Jedoch ist eine schnelle Lösung nicht in Sicht, so wünschenswert diese auch sei. Und es hat auch keinen Zweck, die Probleme klein zu reden. Das Bekenntnis des anderen zu schätzen setzt voraus, das eigene Bekenntnis zu kennen und zu achten. Zu fragen: „Wo ist eigentlich das Problem?“, mag Aufgabe eines immer glaubensferneren Kirchenjournalismus sein – die Theologie muss die Probleme, die sie behandelt, zunächst einmal ernst nehmen.

Das heißt nicht, dass man in der Praxis nicht kleine Schritte zur sichtbaren Einheit tun kann. An der gemeindlichen Basis ist die Zusammenarbeit zwischen katholischen und evangelischen Christen inzwischen auch sehr vielfältig. Insbesondere im karitativen und sozialen Bereich arbeiten Katholiken und Protestanten mittlerweile wirkungsvoll zusammen. Auch gemeinsame Positionspapiere zu aktuellen politischen Fragen sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gelungen – allerdings traten und treten dabei auch erhebliche Differenzen zu Tage (ich erinnere an die Pro Reli-Kampagne in Berlin vor einigen Jahren, aber auch an die Fragen des Lebensschutzes, die unterschiedlich beantwortet werden). Die Organisation und Durchführung Ökumenischer Kirchentage in Berlin (2003) und München (2010) zeigt jedoch den Willen der meisten Christen zu mehr Gemeinsamkeit in der Praxis, dort, wo es irgend möglich ist. Immer jedoch in Respekt vor der anderen Glaubensgemeinschaft. Und der eigenen.

Ökumene heißt zunächst einmal, Luther ernst zu nehmen. Martin Luther wollte die Kirche reformieren, d. h. er wollte eine andere katholische Kirche. Luther wollte die Kirche nicht spalten, wollte keine eigene Kirche, sondern eine, die sich in ihrem Bekenntnis am vierfachen Prinzip des christlichen Glaubens orientiert (sola scriptura, sola gratia, sola fide, solus Christus). Daran können wir anknüpfen, dann aber richtig. Wenn solus Christus gelten soll, müssen wir auf Ihn hören. Wenn Er in Seiner Todesstunde den Apostel Johannes an Seine Mutter Maria bindet, dann kann die Kirche – als auf das Fundament der Apostel gegründet – nicht an Maria vorbeischauen. Zum Beispiel.

Ökumene heißt auch, dass sich die kirchlichen Gemeinschaften, die alle auf 1517 zurückgehen, einig oder zumindest einiger werden, damit eine echte Grundlage für den Dialog mit der Katholischen Kirche und der Orthodoxie geschaffen wird. Damit der Papst weiß, wen er anrufen kann. Lutheraner, Calvinisten, Presbyterianer, Kongregationalisten, Baptisten, Methodisten – heute gibt es mehrere hundert Glaubensrichtungen innerhalb des Christentums, die sich jenseits der katholischen oder orthodoxen Tradition als Erbe der Reformation sehen. Und die alle meinen, dieses Erbe im Geiste des Stifters zu verwalten.

Martin Luther blieb übrigens bis zu seinem Tod katholisch, zumindest dem eigenen Verständnis nach. Die Kirche hat ihn exkommuniziert. Mit der Bannbulle Decet Romanum Pontificem vom 3. Januar 1521 vollzog Papst Leo X. die Exkommunikation Luthers, die er in der Bulle Exsurge Domine vom 15. Juni 1520 angekündigt hatte. Luther ist jedoch mitnichten, wie ab und an zu lesen (vgl. glaubensferner Kirchenjournalismus), „nach wie vor exkommuniziert“. Eine Exkommunikation besteht nämlich nur so lange, wie der gebannte Mensch lebt. Weil es unüblich ist, eine Exkommunikation Verstorbener eigens aufzuheben, hat die Katholische Kirche dies auch im Fall von Martin Luther nicht getan – da gibt es eben keinen Promi-Bonus. Mehr steckt da nicht hinter. Ein Problem weniger.

(Josef Bordat)

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